Demokratiegefährdende Phänomene
in Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention


Demokratiegefährdende Phänomene
in Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention - ein Problemaufriss

Eine Kommunalanalyse im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
Berlin, Februar 2003

Herausgegeben vom:
Zentrum Demokratische Kultur
Projektbereich "Community Coaching"
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IV. Analyse

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4. Organisationen / Umfeld / Aktivitäten der Grauen Wölfe und Organisationen des Politischen Islam/Islamismus
4.1 Rechtsextreme Organisationen
4.1.1 Die Grauen Wölfe
4.1.1.1 Die Idealisten und ihr "Leitwolf"
4.1.1.2 Rassistisch begründet und islamisch geschönt
4.1.1.3 Die Grauen Wölfe in Deutschland
4.1.1.4 Abspaltungen und Neugründungen
4.1.2 Die Grauen Wölfe in Kreuzberg
4.1.2.1 Einfluss und Erscheinungsbild
4.1.2.2 Jugendliche
4.1.2.3 Schule
4.1.2.4 Sport

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4.1.1 Die Grauen Wölfe
4.1.1.1 Die Idealisten und ihr "Leitwolf"

Die Türkische Föderation, im Türkischen auch die Ülkücüler (die Idealisten) genannt, sind in Deutschland vor allem unter dem Namen Graue Wölfe bekannt. Sie, ihre Abspaltungen sowie ihre türkische Mutterpartei, die MHP (Partei der nationalistischen Bewegung), treten vorrangig als eine rassistische, türkisch-nationalistische Bewegung in Erscheinung. Vom Balkan über Mittelasien bis nach China erstreckt sich das Reich, das diese pantürkistische Bewegung für sich beansprucht. Zentrum der von ihr propagierten Gemeinschaft aller Turkvölker ist eine starke, unabhängige und vor allem selbstbewusste Türkei. Das kommt sowohl in Europa als auch in der Türkei vor allem bei Jugendlichen an. Das übersteigerte Nationalbewusstsein ist ein Gegengift für tatsächliche oder vermeintlich erlittene Demütigungen und Ausgrenzungen. Internationale Erfolge türkischer Fußball-mannschaften werden "wie gewonnene Kriege" gefeiert. Das Zeichen der Nationalisten, der Graue Wolf, beherrscht dann neben zahlreichen Türkeifahnen das Straßenbild in Berlin, London oder Istanbul.
Eine treue Anhängerschaft konnte die Bewegung allerdings erst um sich scharen, als sie ihr "ethnisch" definiertes Türkentum auch sunnitisch-islamisch begründete. Ihre türkisch-islamische Synthese, die Religion als untrennbarer kultureller Aspekt des Türkentums, unterscheidet sie allerdings bis heute vom politischen Islam der Milli Görüs, die den religiösen Aspekt als verbindendes Element in den Fordergrund stellt. Ein Beispiel zur Erläuterung: AnhängerInnen der Grauen Wölfe betonen in Bezug auf muslimische AraberInnen "deren nicht-türkische-Herkunft", während beispielsweise Milli Görüs das "Muslim-sein" in den Vordergrund rückt, ob nun türkischer, arabischer o.a. Herkunft.
Die Türkische Föderation steht der aus Ankara staatlich gelenkten "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) am nächsten. Die MHP und ihre Doktrin der Ülkücülük (Idealismus) sind untrennbar verbunden mit dem am 4. April 1997 im Alter von 80 Jahren verstorbenen ehemaligen Oberst Alparslan Türkes. Von seinen AnhängerInnen wird er in fast mystischer Weise verehrt. So warfen sie sich zu Boden, als die Nachricht von seinem Tod bekannt wurde, brachen in Tränen aus und riefen im Chor: "Führer sterben nicht!" Alparslan Türkes trug den Titel "Basbug", was so viel bedeutet wie Oberster Führer. Nach seinem Tod beschloss die MHP, dass niemand außer Alparslan Türkes mit dem Grad eines Basbugs ausgezeichnet werden darf.
Symbol der 1968 entstandenen und paramilitärisch ausgebildeten Jugendorganisation der MHP wurde der "Bozkurt", der graue Wolf. Er erinnert an das Tier, das entsprechend der Legende die letzten türkischen Stämme aus den Altay-Gebirgen in Zentralasien führte und damit rettete. Als oberster Führer war Alparslan Türkes deshalb auch der "Oberwolf" oder "Leitwolf". In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verübten die Grauen Wölfe zahlreiche Anschläge vor allem auf linke StudentInnen an den türkischen Hochschulen. So wurde die Bezeichnung "Graue Wölfe" zum Synonym für die Ülkücülük-Bewegung, für türkischen Nationalismus, Rassismus und Rechtsextremismus. Der "Graue Wolf", mit den Fingern symbolisiert (Spreizen des kleinen Fingers und des Zeigefingers für die Ohren und Aufeinanderlegen des Mittel- und Ringfingers auf den Daumen für die Schnauze), Halsketten und Fahnen mit dem Wolfs-Emblem sowie die Fahne der Bewegung mit den drei nach unten geöffneten Halbmonden (osmanische Kriegsflagge) sind auch in Westeuropa unter türkischen Jugendlichen zu beliebten Symbolen geworden.
Mit dem Erstarken der linken, z.T. sozialistischen und/oder maoistischen Bewegung in der Türkei in den siebziger Jahren und dem aufkommenden kurdischen Nationalismus, der ab 1984 von der PKK auch militärisch artikuliert wurde, erlangte Türkes mit seiner MHP und den paramilitärischen Grauen Wölfen immer mehr systemerhaltende Bedeutung. Militär, Polizei und so genannte "Sicherheitskräfte" wurden von seiner Bewegung dominiert und führten einen blutigen Krieg gegen alles, was sich als links und nichttürkisch definierte. Dabei gerieten auch die Aleviten (59) aus zwei Gründen ins Fadenkreuz der Türkes-Anhänger: Zum einen als "Verräter am Islam" (Häretiker), zum anderen wegen ihrer Nähe zur türkischen und kurdischen Linken. Die Auslandsorganisation der MHP, die Türkische Föderation, setzte diese Auseinandersetzungen zeitgleich auch in Deutschland gewalttätig um. Darüber hinaus machten die Grauen Wölfe internationale Schlagzeilen, als am 13. Mai 1981 eines ihrer Mitglieder, Mehmet Ali Agca, ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte.
Nachfolger von Alparslan Türkes wurde 1997 Devlet Bahceli als Führer eines gemäßigteren Reformflügels. In der Auseinandersetzung über die Erfüllung der Kriterien für die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, darunter auch kulturelle Rechte für Minderheiten wie z.B. die Kurden, entwickelte sich Bahceli aber zunehmend zum Falken und Wortführer einer national-chauvinistischen Abgrenzung. Bei den vorgezogenen Neuwahlen am 3. November 2002 scheiterte die MHP nach über zwei Jahren als Regierungspartei am Wiedereinzug in das türkische Parlament.
Die von Türkes geschaffene Bewegung teilt sich heute auf verschiedene Parteien auf. Sammelbecken des Flügels, der die islamische Komponente stärker betont wissen wollte, wurde 1992 die Große Einheitspartei (BBP), deren Vorsitzender, Muhsin Yazicioglu, ehemals der 1.Vorsitzende der Grauen Wölfe war. Die heute nur noch marginale BBP vereinigt den radikalen-islamischen Flügel der MHP und vertritt innerhalb des nationalistischen Spektrums eine ausgeprägt islamische Position. (60) Auch die beiden konservativen-bürgerlichen Parteien, die Vaterlandspartei (ANAP) und die Partei des rechten Weges (DYP), nahmen einen Teil der MHP-Mitglieder auf. Vor allem in den neunziger Jahren, mit der Übernahme der Führung der DYP durch Frau Tansu Ciller, kam es zu einer verstärkten Annäherung zwischen MHP und DYP.
Der "Susurluk-Skandal" (benannt nach einem Autounfall am 3. November 1996 nahe der westtürkischen Stadt Susurluk) brachte die enge Verbindung zwischen Staat, Mafia, Polizei und als Terroristen gesuchten Grauen Wölfen an den Tag. Das Festhalten am Nationalverständnis der Türkei und damit verbunden der Kampf gegen die kurdische PKK hatten zu einem völligen Niedergang rechtsstaatlicher Strukturen geführt. Führende türkische JournalistInnen meinten nun, dass die türkische Regierung eine Organisation ist, die bis zum Hals in Mord, Drogenhandel und Erpressung steckt. (61)

4.1.1.2 Rassistisch begründet und islamisch geschönt
Das Weltbild der Grauen Wölfe hat ihren Ursprung in der Ideologie der jungtürkischen Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Osmanische Reich als Vielvölkerstaat zerbrach. Als Rettung vor dem völligen Zerfall forderten die Jungtürken einen Nationalstaat, ein "Großtürkisches Reich", in dem all jene leben sollten, die sich zum Türkentum bekennen.
Der Wertekanon der heutigen Ülkücülük-Bewegung verpflichtet jeden Einzelnen, sich durch sein alltägliches Verhalten zum idealen Menschen zu entwickeln, denn nur so könne die ideale Gesellschaft entstehen. Ziel der Bewegung ist es, das türkische Volk zur "besten und stärksten Rasse" und die Türkei zur international führenden, von allen äußeren Einflüssen und Systemen unabhängigen Nation zu machen. Da die Welt nur an einer schwachen türkischen Nation interessiert sei, müsse das Land von innen gestärkt werden. "Alles für die türkische Nation, für Türken ausgerichtet und für Türken gedacht", lautet das Motto. Ein Türke ist für die Idealisten jeder, der im türkischen Territorium lebt, sich als ein Türke fühlt und sich als Türke bezeichnet. Auf dieser Basis entwickelte Alparslan Türkes die Doktrin der Ülkücülük, die Dokuz-Isik-Doktrin (Neun-Lichter-Doktrin). Neben Idealismus und Nationalismus betont Türkes vor allem die Gemeinschaft und Moral auf der Basis "der türkischen Sitten und Gebräuche". In der politischen Umsetzung bleibt von der Ülkücülük-Theorie jedoch hauptsächlich der rassistische Nationalismus übrig, der durch den Zerfall der Sowjetunion und die daraufhin erfolgte Unabhängigkeit der mittelasiatischen "Turk-Republiken" auch wieder pantürkistische Züge bekam. (62)
In der Anfangsphase bemühten sich die Ülkücüler um vorislamische, schamanistische Glaubensinhalte der türkischen Nomaden. Um die breiten Massen mit ihrer stark verhafteten muslimischen Volksgläubigkeit zu mobilisieren, machte Türkes aber den Islam seit Anfang der siebziger Jahre zum Bestandteil der Ülkücülük-Ideologie. Obwohl der Schwerpunkt auch weiterhin auf dem Nationalismus lag, verlegte die MHP nach dem Militärputsch 1980 ihre Agitation in die Moscheen und islamischen Vereine.

4.1.1.3 Die Grauen Wölfe in Deutschland
Die Ülkücülük-Bewegung organisierte sich auch in Europa. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre wurden zunächst "Türkische Gemeinschaften" (Türk Ocagi) und lokale "Idealistenvereine" (Ülkü Ocagi) gegründet und ab 1975 auch örtliche Gruppierungen der Jugendorganisation Grauen Wölfe (Ülkücü Genclik). 1974, nach der militärischen Intervention der Türkei auf Zypern, nahmen Mitgliederwerbung und Propaganda an Schärfe zu. In einer fremden Umwelt seien die warben sie. (63)
Türkes und seine Propagandisten nutzten die Angst der MigrantInnen vor einer Entfremdung von der Heimat geschickt aus. Dabei wurde der Islam stärker in die Propaganda einbezogen als in der Türkei selbst. Zudem unterhielten die Türkische Föderation beziehungsweise die "Ülkü Ocagi" stets dem Verein angegliederte Moscheen oder waren selbst Moscheevereine. Die Türkische Föderation, die in der Kreuzberger Obentrautstraße 35 ihre Berliner Zentrale unterhält, verfügt mit der Ulu Camii in der Schlesischen Straße und der Ertugul Gazi Camii in der Oranienstraße über zwei weitere Moscheegemeinden in diesem Stadtbezirk.
Nach dem Verbot durch das türkische Verfassungsgericht 1976 in Europa offiziell als MHP aufzutreten, bildeten sich Tarnorganisationen unter den Namen "Kultur-, Idealisten-, Beistandsverein, Nationalistischer Ideenverein, Islamischer Verein und Türkische Gemeinschaft". Gleichzeitig wurden auch viele MHP-Anhänger in den Islamischen Kulturzentren der Süleymaniye-Bewegung (64) politisch aktiv. (65) Auch die konservative Türkische Gemeinde zu Berlin e.V. (TGB) mit Sitz im "Zentrum Kreuzberg" am Kottbusser Tor wird inhaltlich, neben DITIB, auch von den Ülkücüler bestimmt. In Frankfurt am Main, bis heute die Zentrale der Bewegung, erfolgte 1978 der Zusammenschluss der westeuropäischen Idealistenvereine zur Dachorganisation "Föderation der demokratisch-idealistischen Türkenvereine in Europa" (ADÜTDF), kurz Türkische Föderation. Bis 1993 übten die Grauen Wölfe auch in Deutschland Gewalt bis hin zu Mordanschlägen aus. Nach Spaltungskämpfen zählte die ADÜTDF 1997 aber nur noch 6.900 Mitglieder und trat kaum noch durch Aktivitäten in Erscheinung, weshalb sie seit 1993 auch nicht mehr im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird. (66) Die rechtsextremen Brandanschläge von Mölln und Solingen, Ausländerfeindlichkeit, die Darstellung des "Kriegs der Türkei gegen die Kurden" in Politik und Medien sowie Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit haben die Zahl der AnhängerInnen der Türkischen Föderation vor allem unter Jugendlichen, männliche und weibliche, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wieder stark ansteigen lassen. Eigenen Angaben zufolge verfügt die Organisation heute über 180 Vereine, (67) während der Verfassungsschutz die Mitgliederzahl bundesweit auf knapp 8.000 schätzt. Besonders die Regierungsbeteiligung der Mutterpartei MHP in der Türkei von 1999 bis zum November 2002 hat dazu geführt, dass der von ihr vertretene rechtsextreme türkische Nationalismus auch innerhalb der so genannten Mitte der türkischen community in Deutschland ihr negatives Stigma verlor und salonfähig wurde.

4.1.1.4 Abspaltungen und Neugründungen
Ende 1982 wurde der damalige Vorsitzende der Türkischen Föderation, Musa Serdar Celebi, wegen des Verdachts der Zusammenarbeit mit dem Papst-Attentäter nach Italien ausgeliefert. In seiner Abwesenheit kam es in der Türkischen Föderation zu heftigen Flügelkämpfen über die Nachfolge. Dabei ging es hauptsächlich um den Stellenwert des Islam innerhalb der Bewegung. Celebi, dem man in Italien nichts nachweisen konnte, kehrte nach Deutschland zurück und gründete als Sammelbecken des islamischen Flügels (Celebi-Fraktion) im Oktober 1987 die "Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa e.V." (ATIB), die er von Köln aus bis 1999 als Vorsitzender leitete. Die ATIB umfasst heute, nach eigenen Angaben, 122 Vereine mit insgesamt 11.000 Mitgliedern. (68) Neben der vom Verfassungsschutz den arabischen Muslimbrüdern zugeordneten "Islamischen Gemeinschaft Deutschland" (IGD), ist ATIB die größte Mitgliedsorganisation des bundesdeutschen Dachverbandes "Zentralrat der Muslime" (ZMD). Celebi, bis heute Ehrenvorsitzender der ATIB, kehrte in die Türkei zurück und ist Mitglied der nationalistisch-islamistischen Splitterpartei BBP unter Muhsin Yazicioglu.
Vor dem Hintergrund der Gründung dieser BBP 1992, vollzog sich in Europa neben ATIB eine weitere religiös motivierte Abspaltung von der Türkes-Bewegung. Im Dezember 1993 kam es dabei in Berlin in der Obentrautstraße zu einer Schießerei zwischen Anhängern der MHP und der BBP. (69) Die sich abspaltenden Vereine wurden 1996 zusammengefasst in der "Europäischen Föderation der Weltordnung" (Avrupa Nizam-i Alem Federasyonu - ANF). Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt in der religiösen und kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen. Während in Westdeutschland eher die ATIB als religiös-nationalistisches Sammelbecken in Erscheinung tritt, erfüllt in Berlin eher die ANF (Nizam-i Alem) mit Zentren in Wedding und Spandau diese Funktion.
Die durch diese Abspaltungen geschwächte Türkische Föderation reorganisierte sich auf ihrem 19. Bundeskongress am 5. Oktober 1996 in Essen. Dort wurde die ADÜTDF e.V. in "Deutsche Türk-Föderation" (Almanya Türk Federasyon - ATF) umbenannt. Gleichzeitig konstituierte sich die ATF als Teil des neu gegründeten europäischen Dachverbands "Konföderation der idealistischen Türken in Europa" (AÜTDK). Die deutsche Zentrale liegt nach wie vor in Frankfurt am Main. Der Bundeskongress im Jahr 1996 stand unter dem Vorsitz von Alparslan Türkes, der in seiner Rede vor rund 10.000 Personen die Europa-TürkInnen darauf hinwies, dass das kulturelle und parteipolitische Engagement wichtig sei, um Einfluss in Parteien und Gewerkschaften zu erlangen. (70)
Heute haben sich die Mutterbewegung und ihre Abspaltungen miteinander arrangiert, was sich auch auf der Ende Mai 2002 im Berliner Tiergarten unter dem Motto "40 Jahre Türken in Deutschland" durchgeführten Deutschlandparade "Türk Günü" (türkischer Tag) zeigte. Neben der Türkischen Gemeinde zu Berlin (TGB) und DITIB beteiligten sich vor allem die Türkische Föderation und die Nizam-i Alem (ANF) an der Parade mit ca. 15.000 TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland. "Eigentlich fände er die Idee einer türkischen Festparade nicht schlecht, sagt Ahmet Iyidirli, Vorsitzender der sozialdemokratischen Föderation türkischer Volksvereine HDF. Teilnehmen wird seine Organisation aber nicht, denn die Aktion könnte von Gruppen und Organisationen ausgenutzt werden, die nicht unbedingt zu einer vernünftigen Integration beigetragen haben", fasst die taz den Hintergrund für die mangelnde Beteiligung Organisationen türkischer MigrantInnen an dieser Parade zusammen. (71)
Was die türkischen Nationalisten unter Dialogbereitschaft verstehen, soll am Beispiel der großen Moschee von Mannheim verdeutlicht werden: Der Bau dieser Moschee ist das Resultat eines örtlichen Bündnisses verschiedener islamischer Vereine türkischer MigrantInnen. Bei der Einweihung der Moschee 1995 verkauften die Ülkücüler Bücher: die türkische Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf". (72) In der Folgezeit gelang es ihnen, einen Wechsel an der Spitze dieser Moscheegemeinschaft zu erzielen. Die baden-württembergische Kultusministerin, Annette Schavan (CDU), hat das wie folgt erlebt:
"Die Mannheimer-Moscheegemeinde war zeitweilig eine hoch akzeptierte, sehr offene Gemeinde und hat auch einen islamisch-christlichen Dialog geführt. Ihr vorbereiteter Antrag für den Religionsunterricht wurde von den Mitgliedern der Gemeinde und auch von den Schulen getragen. Der Wechsel in der Spitze der Moscheegemeinde hat von einem Tag auf den anderen alles, was bis dahin an Dialog existiert hat, zu Ende gebracht. Das war wirklich eine Frage von wenigen Tagen, der Antrag wurde zurückgezogen, er war nicht erwünscht." (73)
Auch in der Berliner Diskussion um den islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen beziehen die Ülkücüler und ihre Abspaltung Nizam-i Alem eine nationalistische Position. Dieser Unterricht solle in türkischer Sprache vorrangig für TürkInnen eingeführt werden, fordern sie. Der Islam als untrennbarer Teil des Türkentums. Unterstützt werden sie vor allem von DITIB und diplomatischen Vertretern Ankaras in Deutschland. In jüngster Zeit scheint sich bei letzteren aber die Erkenntnis durchzusetzen, dass man sich mit dieser kompromisslosen Haltung, besonders was die Unterrichts-Sprache betrifft, selbst aus dem Diskurs katapultiert.
Mitglieder der Türkischen Föderation und ihrer religiösen Abspaltungen lesen vorrangig die Tageszeitung 'Türkiye' (74) und konsumieren den Fernsehsender TGRT der Ihlas-Gruppe von Enver Ören. Ören wird als Finanzier der Grauen Wölfe bezeichnet. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass die Überlegenheit der Türken genetisch festgelegt sei. (75)
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 wurden in der Zeitung 'Türkiye' als "jüdische Verschwörung" kommentiert, ist in der Süddeutschen Zeitung zu lesen: "Das Endziel der multinationalen Gesellschaften sei die jüdische Weltherrschaft unter Benutzung von USA und EU. Als die Globalisierung zurückschlug, führten CIA und Mossad den Angriff vom 11. September durch. Und man begann unter der Maske des Kampfes gegen den islamischen Terror das Projekt, die islamische Welt zu besetzen." (76)

4.1.2 Die Grauen Wölfe in Kreuzberg
4.1.2.1 Einfluss und Erscheinungsbild
Bei unseren etwa 60 Interviews in Kreuzberg, fragten wir unter dem Aspekt rechtsextremer und nationalistischer Entwicklungen und Strukturen auch gezielt nach den Aktivitäten der so genannten "Grauen Wölfe". Lediglich ein Drittel unserer GesprächspartnerInnen, die Mehrheit davon mit dem Migrationshintergrund Türkei, konnten oder wollten uns dazu detaillierter Auskunft geben. Das sagt vor allem etwas aus über den Grad an Sensibilisierung für dieses Thema und demzufolge die Auseinandersetzung damit. Zwar erhielten wir immer wieder Aussagen über eine türkisch-völkische und nationalistische Alltagskultur, trafen aber nur selten auf das Wissen um Hintergründe und Zusammenhänge.
Anders als in der Vergangenheit, als die Grauen Wölfe generell durch ihr gewalttätiges Auftreten für Schlagzeilen sorgten, agieren sie heute wesentlich unauffälliger, sind aber nach wie vor auch in Kreuzberg präsent. Ein Gesprächspartner kennt sowohl Personen, Einrichtungen als auch Weltanschauung der Grauen Wölfe und ihrer Abspaltungen aufgrund einer gewissen Nähe zu ihnen recht gut. Um nicht in eine Nähe mit den Grauen Wölfen gerückt zu werden, spielt er sein Wissen aber stark herunter. Das seit Mitte der 90er Jahre zu beobachtende "moderate" Auftreten der Grauen Wölfe beschreibt er so:
"Die sind jetzt nicht mehr wie früher, mindestens nicht mehr gewalttätig. Es gibt immer noch solche Vereine, und sie machen überwiegend Trägerarbeit. Die machen jetzt auch Kulturarbeit für Jugendliche. Sie wollen ihre Mentalität, ihre Vergangenheit beibehalten. Sie bringen die Jugendlichen auch in diese Richtung. Ich kenne die Begebenheiten von diesen Organisationen nicht so gut, aber wie ich mitbekommen habe, machen die jetzt keine gewalttätige Aktion. Das ist das wichtigste. Die sind nicht wie früher stark nationalistisch, sondern dieses Vorbild haben sie irgendwie verbessert."
Seit mindestens 2 bis 3 Jahren sei das so, fügt er hinzu. Diese Zeitangabe entspricht nicht zufällig der Beteiligung der Mutterpartei MHP in der Türkei an der Regierung und dem militärischen Sieg über die kurdische PKK.
Ob es jemals gelungen ist, die Partei und ihre Organisationen, auch in Kreuzberg, in die "Schmuddel-ecke" zu drängen, mag bezweifelt werden. Aktuell sind sie weit davon entfernt. Verzichten die Türkische Föderation und ihre religiösen Abspaltungen auf ihre Symbole, das Wolfszeichen und die Fahne mit den drei Halbmonden, haben selbst einige türkische Sozialdemokraten keine Scheu, gemeinsam mit ihnen offiziell zu paradieren. So geschehen Ende Mai 2002 beim türkischen Festumzug im Tiergarten. Zu stark ist bei mancher oder manchem der Wunsch nach einer selbstbe-wusst demonstrierten Einigkeit "der TürkInnen" nach außen. Das kollektive Empfinden, als TürkIn in Deutschland und als Türkei in der Welt gedemütigt und ausgegrenzt zu werden, überlagert nicht selten die nach innen, innerhalb der Community, vollzogene politische Abgrenzung.
Das wurde auch deutlich auf dem Kurfürstendamm und auch in Kreuzberg bei den Freudenfeiern über die Erfolge der türkischen Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Meer der türkischen Fahnen behaupteten sich auch die Symbole der türkischen Nationalisten. Das Wolfszeichen mit der Hand wurde von einzelnen Jugendlichen und Jugendgrüppchen stolz vor jede Kameralinse gehalten. Frauen und Mädchen umhüllten ihre Schultern mit Fahnen, auf denen der Wolf von drei Halbmonden umkreist wird. Auch manches Kopftuch war von ihrer Trägerin entsprechend verziert. Unter dem Eindruck dieser "Siegesparaden" entstand bei einigen Gesprächs-partnerInnen die Befürchtung, dass der Einfluss der Grauen Wölfe wieder zugenommen habe. Eine in der Arbeit mit türkischen Migrantinnen aktive Gesprächspartnerin beschrieb vor diesem Hintergrund die ambivalente Haltung auch der Frauen zu den Grauen Wölfen. Während die Frauen die Mutterpartei in der Türkei ablehnen, würden sie die Grauen Wölfe hier in Deutschland als Schutz "vor den Nazis" begreifen und dadurch dulden. Sich als Gegenwehr zu den Nazis darzustellen, sei eine Strategie der Grauen Wölfe vor allem gegenüber Jugendlichen. Dabei machen sie sich die Unwissenheit in Deutschland über ihre rechtsextreme Weltanschauung zu nutze.
Vor diesem Hintergrund ist es schwer, Angaben über die tatsächliche Stärke und den Einfluss der Grauen Wölfe auf die Kreuzberger Alltagskultur zu treffen. Nach Aussage eines langjährig nicht nur in Kreuzberg politisch aktiven Migranten türkisch-kurdischer Herkunft waren die Grauen Wölfe auch in der Vergangenheit "nicht stark, aber aggressiv".
"Die waren nicht stark, die hatten immer Unterstützung. Aber jetzt ist das anders geworden. Die sind sehr wirtschaftlich orientiert geworden. Viele von den ehemaligen Grauen Wölfen haben heute großen Handel oder ähnliches. Sie haben inzwischen, glaube ich, auch mitbekommen, dass man es hier auch anders machen kann."
Die inhaltliche Ausrichtung dieser Organisation hat sich nach Angaben dieses Gesprächspartners aber nicht geändert. "Diese ethnische Orientierung ist immer noch da, bei Jugendlichen. Da haben sie Organisationen, wo sie das so eingeprägt bekommen. Das ist immer noch das selbe." Das bestätigt uns auch ein Jugendarbeiter aus dem Wrangelkiez: "So stark sind die nicht mehr, sie sind eher ideologisch."
Die Infrastruktur der Grauen Wölfe in Kreuzberg besteht neben Sportvereinen aus drei Moscheegemeinden, in der Obentrautstraße, der Oranienstraße und der Schlesischen Straße. "Die Vereine sind nicht nur Moschee, sondern sie verfolgen auch eigene Zwecke", erklärt der Gesprächspartner aus dem Wrangelkiez. Zu "diesen Zwecken" zählt auch eine intensive Jugendarbeit, mit einem Schwerpunkt im Bereich Sport und Fußball.

4.1.2.2 Jugendliche
Mit dem intensiven Ausbau ihrer Infrastruktur versuchen die türkischen Nationalisten, vor allem Jugendliche durch attraktive Angebote an sich zu binden. Das Engagement der ersten Generation der Grauen Wölfe als selbständige Unternehmer dürfte eine wichtige Quelle der dazu notwendigen Geldmittel sein. Ein im Jugendsport auch außerhalb Kreuzbergs aktiver Migrant beobachtet seit längerem diese Aktivitäten:
"Sie bieten Sachen an, ich bewundere das manchmal, woher sie ihre Gelder dafür kriegen. Sie sind jetzt, wie ich gehört habe, im Aufbau eines neuen Vereins bzw. sie wollen einen übernehmen, damit sie noch aktiver werden im Bereich Charlottenburg. Sie sind schon in Spandau vertreten, in Kreuzberg und Neukölln. Sie sind schon sehr aktiv, aber im Aufbau, sage ich wiederum. Sie sind nicht so aktiv, dass sie jetzt handgreiflich werden, Gewalt ausüben können. Nur die Neuerziehung und Wiedererziehung."
Welche Werte den Kern dieser "Erziehung" bilden, schildert ein deutsch-türkischer Sozialpädagoge, der in relativer Nähe zum Zentrum der Grauen Wölfe in der Obentrautstraße mit männlichen Migranten-Jugendlichen arbeitet:
"Das ist Bewahrung alles, was türkisch ist, und dadurch auch Ausgrenzung von allem, was nicht-türkisch ist. Wenn man das wirklich erst einmal so banal vereinfacht darstellt. Aber so funktioniert das auch. Genauso einfach. Ich bin Türke, und ich vertrete türkische Werte, und alles andere muss ausgegrenzt werden. Und da gibt es auch Symbole, die gibt es als Gürtelschnallen, oder als Halsketten, dieser Kopf eines Wolfes, und die nennen sich dann auch Graue Wölfe. Und diese Symbole werden offen getragen".
Zunächst würden die Jugendlichen durch die Familie, vor allem die Väter oder andere männliche Verwandte und entsprechende, zu Hause genutzte Medien beeinflusst.
"Sie kommen entweder mit diesen Symbolen, Emblemen, oder den Sprüchen, die sie von zu Hause mitbringen, und wenn ich dann frage, dann heißt es, sie haben das vom Vater, vom Onkel",
berichtet der Sozialpädagoge. Seine Einschätzung, warum sich Jugendliche türkischer Herkunft diese Werten überstülpen lassen oder sich auch in diese Werte flüchten, basiert auf seiner mehrjährigen Erfahrung in der Arbeit mit ihnen:
"Ich denke, im Unterbewusstsein wissen sie eigentlich, dass sie Opfer der Gesellschaft sind. Sie haben keinerlei Chancen mehr auf gesellschaftliche Partizipation. Mit der Gesellschaft meine ich jetzt die Gesamt-Gesellschaft. Daraus folgt dieser Rückzug in die eigene Identität. Ich empfinde das nicht als authentische Identität, die sie sich selbst erschlossen haben, sondern es ist eine Identitätskrücke. Keiner der Jugendlichen weiß wirklich über die Hintergründe und Zusammen-hänge der Religion, der Türkei, der politischen Zusammenhänge in der Türkei Bescheid. Es ist nur eine Krücke, an der sie sich festhalten. Und erstmals empfinden sie sich nicht als Opfer, weil sie sich an diesen Krücken festhalten - wir sind die Größten, also ich bin Türke, und der Türke ist der Größte."
Das Gefühl des "nicht dazu Gehörens", Schulversagen, Perspektivlosigkeit, keinen Ausbildungsplatz zu haben, die Suche nach Halt, nach der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft nennen auch weitere GesprächspartnerInnen als Erklärung, warum vor allem männliche aber auch weibliche Jugendliche sich in diese "ethnische Identität" flüchten und daraus ihr Selbstbewusstsein schöpfen. Aber nicht jede/jeder Jugendliche, die/der sich auf dieser Suche nach Zugehörigkeit befindet, findet zwangsläufig den Halt bei den Grauen Wölfen und analogen, auf der Basis von Ethnie, Kultur oder Religion identitätsstiftenden Organisationen. Wie viele von ihnen sich tatsächlich einer dieser Organisationen anschließen, oder sich nach einer kurzen Phase auch wieder auskoppeln und vor allem warum sie das tun, muss weiter untersucht werden, auch in den entsprechenden Einrichtungen dieser Organisationen. Die Einschätzung einer Gesprächspartnerin deutscher Herkunft, dass die Grauen Wölfe und analoge Gruppen ja den Jugendlichen "auch Lernangebote vermitteln", es also nicht so ist, "dass alles, was dort vermittelt wird, schlecht ist", zeugt aber von einer fehlenden Reflexion der Zusammenhänge. Selbst wenn Jugendliche sich nicht organisatorisch einbinden lassen und nur bestimmte Angebote nutzen, so sind diese Angebote nicht frei von den Ideologien und Weltanschauungen ihrer Träger.
Die Symbole der Grauen Wölfe - Poster, Postkarten, Fahnen, Ketten, Gürtelschnallen oder Jackenaufnäher - werden zu Hause, in Schulen oder Jugendeinrichtungen quer durch Kreuzberg als Ausdruck von Stärke, Überlegenheit und zumindest mentaler Zugehörigkeit demonstrativ zur Schau gestellt, berichten mehrer GesprächspartnerInnen. "Ich spreche dann mit dem Jungen und sage: Was soll der Quatsch", erzählt ein Jugendsozialarbeiter aus der Reichenberger Straße.
"Dann kommt immer wieder der Spruch: Das ist doch nur Spaß. Aber überall, wo nur Spaß ist, ist auch ein wenig Ernst dahinter. Man kann zumindest sagen, dass sie davon leicht angehaucht sind. Und zumindest für diese Ecke hier würde ich schon sagen, dass es keine Seltenheit ist. Das weiß ich auch von türkischen Leuten, die hier wohnen."
"Das sind schon Anhänger. Inwieweit sie politisch aktiv sind, das können wir leider nicht einschätzen, dadurch, dass die noch so jung sind", beschreibt eine im Gebiet der Urbanstraße mit kleineren Mädchen und Jungen arbeitende Sozialpädagogin. Dass mit diesen Symbolen auch die aggressive, ethnisch definierte Feindbildung der Grauen Wölfe übernommen wird, bemerkt die selbst aus der Türkei kommende Migrantin in ihrer täglichen Arbeit vor Ort. "Sie sind auch von ihrer Einstellung her sehr antideutsch. In der Siedlung haben die deutschen Jugendlichen keine Chance. Das kriege ich auch sehr mit. Wir hatten vor kurzem eine deutsche Frau, die wurde zusammengeschlagen."
Ein Feindbild der Grauen Wölfe sind nach wie vor die Kurden, auch wenn die offene Aggressivität ihnen gegenüber scheinbar nachgelassen hat. "Es gibt weiterhin sehr viel nationalistisch veranlagte türkische Jugendliche hier, die türkische Fahne und die Türken - und alles andere kommt danach. Die haben wirklich ein extrem starkes Selbstbewusstsein", erzählt ein Migrant türkischer Herkunft, der in einer Berufsbildungseinrichtung im Wrangelkiez arbeitet. "Es hat ein paar mal öfter Vorfälle gegeben, dass einige kurdischstämmige Jugendliche unter Druck gesetzt worden sind, aber das ist jetzt nicht der Fall." Bei einer sich verändernden politischen Lage in der Türkei ist es durchaus möglich, dass die extrem nationalistische Orientierung der Grauen Wölfe und ihrer AnhängerInnen auch in Kreuzberg wieder in Gewalttätigkeit umschlägt.
Militanz gehört nach wie vor zum Erziehungsmodell der Grauen Wölfe. Und militant treten sie zur Durchsetzung ihrer Interessen auch in Friedrichshain auf, wie eine Jugendclubleiterin berichtet. Ihr Club wird auch von Jugendlichen türkischer Herkunft besucht, auf die von externen Kreisen versucht wurde, Einfluss auszuüben.
"Wir hatten auch die Grauen Wölfe hier. Sie wollten hier einen Film zeigen. Ich sagte, dass das hier nicht passieren wird, denn wir sind eine Jugendeinrichtung und da haben wir ganz klar andere Inhalte zu transportieren. Die sind in verschiedenen Grüppchen organisiert, sind sehr militant organisiert, die Grauen Wölfe und die bilden so kleine Peoples aus, die werden richtig sportlich fit gemacht, so dass sie Selbstverteidigung und andere Dinge auch können."
Unter MigrantInnen aus Kreuzberg ist generell die Angst vor rechtsextremen Übergriffen in den östlichen Stadtbezirken Berlins weit verbreitet. "Wir hatten hier Situationen, wo dir alle Jugendlichen sagen, sie müssen ein Messer oder eine Pistole tragen, übertrieben, weil sie sich hier nicht sicher fühlen, im gesamten Friedrichshain, jetzt nicht nur in unserer Einrichtung", beschreibt die Friedrichshainer Jugendclubleiterin. Diese Angst wird von den Grauen Wölfen gezielt instrumentalisiert, im Interesse der Festschreibung eines Feindbildes und der Abgrenzung.

4.1.2.3 Schule
Im Unterschied zu den GesprächspartnerInnen in der Jugendsozialarbeit, verhielten sich unsere InterviewpartnerInnen im Schulbereich eher zurückhaltend bei der Auskunft über rechtsextreme Erscheinungen und Aktivitäten innerhalb der Schülerschaft türkischer Herkunft. Ein Grund dafür dürfte in der ohnehin angespannten Situation der Schulen im allgemeinen und der Schulen in den sozialen Brennpunkten Kreuzbergs im besonderen liegen. Da im öffentlichen Diskurs die schlechten Bildungserfolge der Jugendlichen türkischer Herkunft selten als Resultat sozialer, bildungspolitischer und gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung diskutiert werden und statt dessen der Diskurs stark ethnisierend geführt wird, mag wohl mancher nicht weiter Öl ins Feuer gießen wollen. "Kinder nicht türkischer Herkunft haben an dieser Schule gar keine Chance, die werden platt gemacht", oder "es wird an dieser Schule vor allem von türkischen Mädchen im Alter von 12 oder 13 Jahren massiv Druck auf Gleichaltrige ausgeübt, die Mädchen sind extrem türkisch nationalistisch", erzählen uns Außenstehende. In der betroffenen Schule selbst erhalten wir dagegen eine wesentlich entspanntere Schilderung. Mit dem uns vorliegendem Material lässt sich keine endgültige Aussage darüber treffen, ob die Sicht von außen nicht doch einzelne Erscheinungen überbewertet, oder die Konflikte in den Schulen von den Verantwortlichen vielleicht auch im Interesse des Ansehens der Schule herunter gespielt werden. Fehlendes Wissen und fehlende Wahrnehmung können als weitere Erklärung vermutet werden.
Zwei Gespräche mit VertreterInnen, die einen allgemeinen Überblick über die Schulsituation in Kreuzberg haben und auch gleichzeitig an einer Kreuzberger Schule tätig sind, weisen aber zumindest auf dieses Problem hin. Dabei wird deutlich, dass die entsprechend auffallenden SchülerInnen von außen, durch die Einrichtungen der Grauen Wölfe beeinflusst werden. "In den letzten Jahren hatten wir zwei, dreimal Konflikte mit Jugendlichen, die irgendwo den Grauen Wölfen nahe stehen. So was hatten wir in diesem Durchgang und auch im letzten." In zwei Fällen benennt der Gesprächspartner die Zentrale der Grauen Wölfe in der Obentrautstraße als Ort, zu dem diese Jugendlichen "hingegangen sind und sich irgendwie davon beeinflusst haben". In welcher Form sich diese Beeinflussung im Schulalltag zeigt, schildern die GesprächspartnerInnen aus eigenen Erfahrungen:
"Man bemerkte so bestimmte Vorbehalte, und dieser Jugendliche trug auch eine Gürtelschnalle, auf der der Graue Wolf drauf war. Bei uns im Team war es aber nicht so, dass das wirklich ernstliche Konflikte hervorgerufen hätte. Im Nachbarteam war das etwas heftiger, da gab es auch mal körperliche Auseinandersetzungen."
Neben dem Propagieren der entsprechenden Feindbilder, werden die nationalistisch beeinflussten SchülerInnen auch durch ihr Streben nach Dominanz auffällig, wie ein Schulleiter schildert:
"Hier gibt es in der Nähe, in der Obentrautstraße eine Moschee, wo insbesondere die Grauen Wölfe, ja, die Moschee betreiben. Und die versuchen immer wieder, hier auch Schüler zu rekrutieren. Man merkt das daran, dass so bestimmte Schüler sich aufspielen nach dem Motto: Das regeln wir so untereinander. Die bieten sich dann an und versuchen sich hier wie eine kleine Schutztruppe aufzuspielen. Und dann merkt man, dass so Kontakte laufen, dass sie sich so im Umkreis von diesen etwas größeren Jugendlichen an der Moschee in Gruppen zusammenschließen, Kontakt herstellen."
Sowohl das Wissen der GesprächspartnerInnen um die entsprechenden Symbole der Grauen Wölfe, als auch die Beobachtung der Situation, "wenn sie sich wie so kleine Fürsten aufspielen", führten an dieser Oberschule zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema. "Wir haben das im Unterricht thematisiert und für die entsprechenden Klassen so eine Art Kurzprojekt gemacht. In ein paar Unterrichtsstunden haben wir die MHP und ihre Ziele behandelt, und dass wir das für ein rechtsextremistisches, faschistisches Zeichen halten, was wir an dieser Schule nicht dulden."
Auch der Schulleiter setzt auf eine Mischung aus Autorität und Auseinandersetzung mit dem Thema: "Wir laden sie dann ein zu einem Gespräch und machen sie ganz eindeutig darauf aufmerksam, dass jeder Schüler hier gleich ist, dass wir keine Hilfssheriffs brauchen, und dass sie große Schwierigkeiten kriegen, wenn sie diese Außerschulischen reinholen. Und wir reden auch mit ihnen offen über das Problem Graue Wölfe und Radikalismus, und Faschismus."
Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit entsprechenden Entwicklungen ist notwendig, sie setzt aber eine Wahrnehmung und Sensibilisierung für dieses Thema voraus. Denn, bestätigt uns der Schulleiter, "das ist ein Problem. Ich denke, im Moment haben wir das im Griff. Es gibt auch manchmal Wellen, das ist mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger."

4.1.2.4 Sport
Für die Grauen Wölfe und ihre AnhängerInnen spielt der Sport eine wichtige Rolle. Ob Boxen, Ringen, Karate oder Teak-wan-do - Selbstverteidigung und Kampfsport stehen bei Jungen und Mädchen türkischer Herkunft hoch im Kurs. In den entsprechenden Schulen, Kursen und Vereinen finden die Grauen Wölfe ein Reservoir für Indoktrination und Rekrutierung. Einigen Einrichtungen wird eine gewisse Nähe zu den Grauen Wölfen nachgesagt, ohne dass uns dafür nähere Erkenntnisse vorliegen. Es wäre aber völlig irreführend, jede oder jedem Jugendlichen, die/der sich in diesen Sportarten engagiert, eine Nähe zu den türkischen Rechtsextremisten zu unterstellen. National oder international erfolgreiche türkische Sportler sind für viele Jugendliche auch einfach nur Identifikationsfiguren. Aus dem Erfolg ihrer Idole schöpfen sie ihr Selbstwertgefühl und versuchen, es ihnen gleichzutun. Ein anderer Grund für das sportliche Engagement Jugendlicher türkischer Herkunft ist auch das Gefühl einer permanenten Bedrohung und der Wunsch, sich verteidigen zu können. Beides sind Felder, auf die die Grauen Wölfe (türkisch)nationalistisch-propagandistisch aufspringen. Welchen Einfluss sie aber in diesem Bereich tatsächlich haben, muss erst noch untersucht werden.
Die zentrale Rolle im Sport spielt der Fußball, und hier lassen sich Vereine eindeutig den Grauen Wölfen zuordnen. Es muss an dieser Stelle aber darauf hingewiesen werden, dass sich die politische, religiöse, kulturelle, "ethnische" und soziale Heterogenität der so genannten "türkischen" Community gerade im Vereinswesen, und hier ganz besonders im Bereich Fußball, entsprechend niederschlägt.
Dass der Fußball eine Projektionsfläche für Nationalismen ist und sich rechte Gruppen hier besonders engagieren, fasst ein aus der Türkei kommender Sozialarbeiter im Wrangelkiez so zusammen:
"Es gibt ja eine ganze Reihe von türkischen Fußballclubs. Dass die alle nationalistisch geprägt sind, ergibt sich aus der Sache selbst. Fußball, das ist nicht nur bei den Türken so, bei den Deutschen genauso, da kommt der Nationalismus hoch, da toben sich die jungen Männer aus. Also, das kann ich mir vorstellen. Ich glaube auch, dass der Einfluss der rechten Gruppen bei diesen Fußballclubs größer ist."
Vor diesem Hintergrund komme es auf dem Fußballplatz immer wieder zu Spannungen, auch "wenn zwei türkischnamige Vereine gegeneinander spielen". Namentlich genannt wird uns in diesem Zusammenhang "als rechts und in Verbindung mit den Grauen Wölfen stehend" der BSV Hürtürkel e.V., der 1999 aus einer Fusion von BSV Hürtürk und BSV Türkel hervorgegangen ist und in der Skalitzer Straße am Wrangelkiez seinen Sitz hat. "Gerade gegen Hürtürkel, da war die Spannung sehr groß. Aber das ist dann wirklich heimatbezogene Politik, nicht hier", berichtet ein in der Gewaltprävention engagierter Sportfunktionär.
Diese Spannungen wirken auch im kommunalen Raum, vor allem im Umkreis der entsprechenden Vereinslokale. Es sind aber nicht die bekannten Symbole der Grauen Wölfe, die zu einer Zuordnung entsprechender Vereine führen. "So nach außen, so stark sich darstellen mit MHP oder diesen Graue-Wölfe-Symbolen, das nicht. Bisher habe ich das nicht erlebt", erfahren wir im Wrangelkiez. Die Zuschreibung von außen als "rechts und gefährlich" basiert eher auf Erfahrungsberichten aus der Vergangenheit.
"Man sagt ihnen auch nach, dass sie sehr viele Landsleute, die anders gedacht haben, unter Druck gesetzt haben. Also, richtig in die Familien gegangen sind und richtig gedroht haben. Diesen Ruf haben sie immer noch weg. Sehr extrem, sehr gefährlich",
schildert das ein weiterer Sozialarbeiter im Wrangelkiez. Seine aktuellen Beobachtungen vor Ort sind zwar kein Beleg für diese Einschätzung, sie deuten aber zumindest auf eine sich nach außen rigide abschirmende und wenig transparente Gemeinschaftsbildung hin:
"Manchmal kann man das so ein wenig von außen einschätzen. In der Skalitzer Straße ist es zum Beispiel sehr auffällig. Die haben Türsteher, Bodyguards. Da wird sehr genau geguckt, wer da rein kommt. Da kann man schon sehen, dass das nicht nur ein Sportverein sein kann, sondern dass da auch noch etwas anderes läuft."
Auch der von uns befragte Sportfunktionär erlebt diese Abschottung. Im Dialog mit dem Fußballverband versucht er, Diskriminierungen "türkischnamiger Vereine" zu klären und zu beseitigen. Während sich zahlreiche Fußballclubs an diesem Dialog beteiligen, "hält sich Hürtürkel dabei raus".
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass hinter rechtsextremen, türkisch-völkischen und nationalistischen Erscheinungen auch eine organisatorische Struktur steht. Genauere Erkenntnisse über diese Struktur, ihr Vorgehen und ihren tatsächlichen Einfluss lassen sich vor allem im direkten, lokalen Umkreis der entsprechenden Einrichtungen sammeln. Andererseits ist es aber auch erforderlich, stärker in diese Einrichtungen hinein zu schauen, sich mit den dort organisierten MitgliederInnen kritisch auseinander zu setzen und vor allem die Jugendlichen nicht allein der Obhut der Vereinsvorstände zu überlassen.

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59 Aleviten/Bektaschiten: eigenständige religiös-philosophische Weltanschauungsgemeinde in Anatolien, basierend auf Elementen des schiitischen Islam mit alttürkischen und vorchristlichen Einflüssen, etwa 15% bis 20% der türkischen Bevölkerung sind Aleviten. In Berlin wird ihre Anzahl auf 40.000 geschätzt. Ihr größter Verein, das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten -AAKM, hat seinen Sitz im Cem-Haus (Gemeinde-Haus) in der Kreuzberger Waldemarstraße

60 Thomas Lemmen: "Islamische Organisationen in Deutschland", Bonn, 2000, Friedrich-Ebert-Stiftung in: http://www.fes.de/fulltext/asfo/00803008.htm. Abgelesen im Januar 2003

61 Oktay Eksi, in: Hürriyet, 5. November 1996

62 Burhan Kesici: "Die Ülkücülük-Bewegung - Der türkische Nationalismus", Hausarbeit, FU Berlin, Sommersemester 1994

63 Ertekin Özcan: "Türkische Immigrantenorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland", Berlin-West 1989

64 VIKZ - Verband der Islamischen Kulturzentren - Süleymaniye-Bewegung: religiöse Strömung innerhalb des sunnitischen Islam in der Türkei, eigene Interpretation der türkisch-islamischen Synthese. In Berlin befinden sich in Wedding und Spandau ihre Hauptzentren, in Kreuzberg gehört die Abdülmecid Moschee in der Mittenwalder Straße zu diesem Verband

65 Ertekin Özcan: "Türkische Immigrantenorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland", Berlin-West 1989, S. 181 und S. 183

66 Deutscher Bundestag Heft 11/ 17.Juni 1997

67 Sema Mühlig-Versen/ Martin Ottmann: "Dokumentation über türkisch-Islamische Vereine in Esslingen", Projektarbeit an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen, Juni 1998

68 Selbstdarstellung in http://www.atib.org. im Juni 2000

69 die tageszeitung, 10. Dezember 1993

70 http://www.mi.niedersachsen.de/functions/downloadObject/0,,c873971_s20,00.pdf , Abgelesen am 1. März 2003

71 Alke Wierth: "Eintracht mit Tücken" in: taz Berlin lokal vom 25.5.2002, Seite 36

72 Kurdistan-Rundbrief, 25. März 1997

73 AYPA-TV Berlin, Aufzeichnung des Vortrages von A. Schavan bei der Katholischen Akademie Berlin, 28. Februar 2000

74 Gedruckte Auflage etwa 40.000, die verkaufte Auflage in Berlin liegt bei etwa 500 (Schätzung). Die Europa-Ausgaben der türkischen Tageszeitungen unterscheiden sich von der Türkei-Ausgabe durch einige speziell für Europa produzierte Seiten. Der gesamte Mantel (Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft und Kommentare) werden aus der Türkei übernommen

75 Kurdistan-Rundbrief, 25. März 1997

76 Volker Gustedt: "Die Umarmungsstrategie", in Süddeutsche Zeitung, 30.8.2002

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