Dunkle Schweizer Geschäfte mit einem Grauen Wolf


Tages-Anzeiger (CH), 18.04.01
Der usbekische Staatspräsident hat sich für seine Geschäfte in der Schweiz einen türkischen Grauen Wolf zum Partner gemacht.

Von Peter Johannes Meier

Der usbekische Staatspräsident Islam Karimow regiert sein Land mit eiserner Hand. Noch heute duldet der frühere Präsident der Kommunistischen Partei keine freien Medien, jegliche politische Opposition wird in den Untergrund gedrängt. Seit der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Republik von der Sowjetunion im Jahre 1991 hat sich das Land kaum geöffnet. Die Wirtschaft - insbesondere der zentrale Baumwollhandel - wird von der Regierung kontrolliert, die wiederum wechselnde Allianzen mit fragwürdigen Geschäftsleuten und mutmasslichen Mafia-Paten eingeht. Einer von ihnen ist Enver Altayli.

Karimow holte den Türken mit deutschem Pass Anfang der 90er-Jahre in seinen persönlichen Beraterstab. 1991 wurde Altayli von der usbekischen Regierung in die Schweiz gesandt. Seine Aufgabe: das Unternehmen Usbec Trading in Wangen zu leiten, über das der Baumwollhandel mit europäischen Kunden abgewickelt wurde (vgl. oberen Artikel).

Dass sich die Usbeken ausgerechnet einen türkischen Aktivisten der nationalistischen Bewegungspartei (MHP) zum Partner machten, hat einen politischen Hintergrund: Seit deren Gründung ist es eine Vision der MHP, mit den kulturell verwandten Turkstaaten in Zentralasien und im Kaukasus eine Föderation zu gründen, gewissermassen als Alternative zu einem Beitritt der Türkei in die Europäische Union. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sahen die Nationalisten ihre Chance gekommen und intensivierten die Beziehungen nach Zentralasien. Enver Altayli war dafür eine ideale Besetzung: Seine Familie stammt aus Usbekistan, zudem war er ein persönlicher Vertrauter der türkischen Präsidenten Turgut Özal und Süleyman Demirel.

Der Gründer der MHP, Alparslan Türkes, hatte Altayli bereits Ende der Siebzigerjahre zum Gebietsbeauftragten der Partei in der Bundesrepublik Deutschland ernannt. Seine Aufgabe war es, Mitglieder zu werben und Parteispenden zu beschaffen. Briefe aus dem Nachlass des 1997 verstorbenen Türkes und ein aktueller Streit um die Berechtigung an dessen Bankkonten in Deutschland belegen, dass Altayli persönlich Zugang zu Türkes' Kriegskasse hatte.

Der radikale Flügel der MHP sind die Grauen Wölfe, die so genannte Jugendorganisation der Partei. Terroranschläge in ganz Europa gehen auf ihr Konto, immer wieder konnten ihnen Verstrickungen in den Drogen- und Waffenhandel nachgewiesen werden. Laut türkischen Medienberichten kümmerte sich Altayli um Graue Wölfe und Mitglieder türkischer Mafia-Banden in Deutschland, wenn diese im Gefängnis landeten. Schweizer Wölfe im Drogengeschäft

Doch die Wölfe hetzen auch in der Schweiz: gegen Mitglieder linksgerichteter türkischer Parteien und Aktivisten der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung. So 1995, als vor dem Zürcher Schützenhaus Albisgüetli Graue Wölfe am Rande einer Versammlung von MHP-Sympathisanten auf protestierende Kurden schossen. Einer der Schützen wurde im vergangenen Dezember mit 15 Jahren Zuchthaus bestraft. Er hatte in Oerlikon einen Landsmann erschossen. Zudem war er in Drogen- und Waffengeschäfte verwickelt.

Die Zusammenarbeit der Grauen Wölfe mit Mafia-Banden und Vertretern des politischen Establishments beweist der Fall Abdullah Catli: Der damals 33-jährige Führer der Catli-Gang wurde 1989 in Basel wegen Heroinhandels mit sieben Jahren Zuchthaus bestraft. Ein Jahr später floh er mit Waffengewalt aus der Zuger Strafanstalt Bostadel und setzte sich in die Türkei ab. 1996 kam er bei einem Autounfall ums Leben, der für einen Skandal sorgte: Im Auto des Mafia-Bosses sassen auch ein hoher türkischer Polizeioffizier, eine Tänzerin sowie ein Parlamentsabgeordneter der damals an der Regierung beteiligten Partei des Rechten Weges (DYP). Der Unfall löste eine staatliche Untersuchung aus, die lange vermutete Verbindungen zwischen Mafia, Sicherheitsbehörden und Politikern im internationalen Drogenhandel bestätigte.

Enver Altayli war laut türkischen Presseberichten ein Vertrauter von Catli. 1993 sollen die beiden - Altayli war zu dieser Zeit Verwaltungsratspräsident der Usbec Trading in Wangen - die Flucht des türkisch-zypriotischen Geschäftsmannes Asil Nadir aus England organisiert haben. Nadir war mit seiner Firma Polly Peck in einen millionenschweren Finanzskandal verwickelt und sollte in London vor Gericht gestellt werden.

Mitte der 90er-Jahre kam es offenbar zu einem Konflikt zwischen dem usbekischen Staatspräsidenten Karimow und Altayli. Möglicherweise waren die gegen 20 Millionen Franken ein Grund, die Altayli ohne Belege nach Deutschland abgezweigt hatte. Ein anderer könnten Altaylis angebliche Kontakte zum oppositionellen usbekischen Exilpolitiker Mohammed Solih gewesen sein. Im Februar 1999 wurde Altayli gar mit Bombenattentaten in der usbekischen Hauptstadt Taschkent in Verbindung gebracht. Die usbekische Regierung hat zu diesen Fragen keine Stellung genommen. "Alles falsch", sagt dagegen Altaylis Bruder Taha, der für Enver als Berater tätig war. "Es ist gut möglich, dass sich mein Bruder jetzt gerade in Usbekistan aufhält. Vielleicht sogar auf Einladung des Präsidenten."