Keine Angst vor Grauen Wölfen?

Der türkisch-nationalistische Jugendclub Ülkü Ocagi weckt Befürchtungen


NEUSTADT - "Türkische Faschisten in der Neustadt!" Die SPD schlug Alarm, weil die nationalistisch gesinnte Jugendorganisation "Ülkü Ocagi" in der Sömmerringstraße ihr Quartier aufgeschlagen hat. Doch geht von dieser Gruppierung wirklich eine Gefahr aus? Schließlich ist sie seit 20 Jahren in dem Mainzer Stadtteil zu Hause, und Ärger hat es nie gegeben.

Sömmerringstraße 21: ein unauffälliges Wohnhaus. Die Vorhänge im Erdgeschoss sind zugezogen. Nichts weist darauf hin, wer oder was sich hinter dieser Adresse verbirgt. Das war vor kurzem noch anders - bis das dezente Papp-Schild mit der Aufschrift "Ülkü Ocagi" entfernt wurde.
Es waren türkische Anwohner, die den Chef der SPD Neustadt, Rainer Christ, darauf aufmerksam machten, wer hier Herr im Hause ist: Ülkü Ocagi, eine der nationalistischen türkischen Partei MHP - besser bekannt als "Graue Wölfe" - nahe stehende Jugendorganisation. Für einige Nachbarn ist das offenbar ein Grund zur Besorgnis. Die SPD brachte das Thema im Ortsbeirat auf den Tisch, wollte wissen: Was tut die Verwaltung dagegen?
Die Antwort von Oberbürgermeister Jens Beutel: nichts. Er bestätigte, dass im März 2001 "Mainz Ülkü Ocagi" Vereinsräume in der Sömmerringstraße eingerichtet hat. Damit war das Thema für den OB erledigt. "Bei privatrechtlichen Mietverhältnissen hat die Verwaltung keine Handlungsmöglichkeit", hieß es lapidar.

Stammsitz abgerissen
Was genau ist Ülkü Ocagi? Welche Ziele verfolgt diese Gruppe? Das wissen die Neustadt-Politiker im Moment offenbar selbst nicht so genau. Vor kurzem hatte sich Ortsvorsteher Gerhard Walter-Bornmann (SPD) sogar stark gemacht für den Verein, der sich offiziell "Türkisch-Islamischer Kulturverband" nennt. Als das Haus mit dem Stammsitz in der Nackstraße 12 abgerissen wurde, schaltete sich der Ortsvorsteher vermittelnd ein, um den Unmut der Türken in geordnete Bahnen zu lenken. Erst später wurde er von einem Mitarbeiter des Jugendamtes darauf hingewiesen, dass sich der Verfassungsschutz der Organisation angenommen habe.
Dem Verein gelang es schließlich, ein neues Anwesen zu kaufen, genau gegenüber. Mit dem Einzug muss aber noch zwei Jahre gewartet werden, weil der Mietvertrag eines Fitnessstudios noch so lange läuft. Ein Ausweichquartier musste also her, und wurde schnell gefunden: in der Sömmerringstraße.

Mitglieder sind stinksauer
Mehr als 20 Jahre ist der Verein in der Neustadt zu Hause, und nie hat es Ärger gegeben - das betont auch Walter-Bornmann. Die Mitglieder sind stinksauer, dass sie in die Nähe von türkischen Faschisten gerückt werden. Eine kleine Delegation beschwerte sich im Ortsbeirat, behauptete, mit Ülkü Ocagi nichts zu tun zu haben. Das Schild im Fenster sei ein "Versehen" gewesen, bald werde ein Metallschild mit der "korrekten" Aufschrift "Türkisch-Islamischer Kulturverband" angebracht.
Ein Versehen oder eher ein Betriebsunfall, der die jahrelang kaschierte Verbindung zwischen dem "Kulturverband" und Ülkü Ocagi plötzlich offenbarte, wie Christ annimmt? "Es hat den Anschein, als ob da jemand übermütig wurde und sich gedacht hat: "Wir können ruhig mal zeigen, wer wir sind", vermutet der SPD-Politiker.
In einem Schreiben an die Redaktion fühlte sich der Verein jedenfalls Bemüßigt, den Begriff zu übersetzen: "Ülkü Ocagi" bedeutet Wärme, Wärme vom eigenen Heimatland." Die Gruppe wolle türkischen Mitbürgern bei der Integration in Deutschland helfen, biete beispielsweise Religions- und Türkischunterricht oder Nähkurse an, heißt es in dem Brief.

Konsul gibt Entwarnung
Beistand erhält Ülkü Ocagi vom Sprecher des Ausländerbeirates, Ihsan Öner: Es sei Quatsch, Verbindungen zu Extremen herzustellen. Er habe den Mitgliedern geraten, eine Unterlassungsanordnung gegen Christ zu erwirken, verriet er der AZ: "Er sollte besser aufpassen, was er sagt."
Doch ist der Verein "Ülkü Ocagi" wirklich so harmlos, wie Mitglieder und Sympathisanten versichern? Im aktuellen Verfassungsschutzbericht des Bundes taucht die Gruppe jedenfalls nicht auf. Türkische Nationalisten stellten derzeit kein Sicherheitsrisiko dar, teilt das Bundesamt für Verfassungsschutz auf AZ-Anfrage mit. Und auch die Landes-Verfassungsschützer schenken Ülkü Ocagi momentan keine besondere Aufmerksamkeit.
Der türkische Generalkonsul Dr. Menter Sahinler betont im Gespräch mit der AZ die Friedfertigkeit des Vereins in der Sömmerringstraße: Die MHP, derzeit Regierungspartei in der Türkei, habe nichts mit Radikalismus und Extremismus am Hut. Der Verein stehe unter der Kontrolle des türkischen Staates und könne sich keinerlei radikale Ausfälle erlauben. Ülkü Ocagi vertrete nur eine einzige Ideologie: die Einheit der Türkei; sie verstehe sich als Gegenbewegung zu separatistischen Gruppen wie den Kurden, "den wahren Terroristen". Vor einigen Wochen habe der Parteichef der MHP und stellvertretende türkische Ministerpräsident Devlet Bahceli Mainz besucht und in der Sömmerringstraße 21 seine Landsleute aufgefordert, sich zu integrieren und modern zu sein. "Das sind keine Radikalen."
Was eine türkische Professorin, die an einer Universität in Nordrhein-Westfalen Turkologie lehrt, über Ülkü Ocagi sagt, hört sich allerdings ganz anders an. Inständig bat sie die Redaktion darum, ihren Namen nicht zu veröffentlichen: "Die würden mich morgen abknallen!" Ülkü Ocagi nehme innerhalb der MHP eine ähnliche Funktion ein, wie die SA im Regime der Nationalsozialisten. "Sie haben blutige Hände, genau wie die Islamisten." In den 70er Jahren habe diese Gruppierung auf den Straßen von Istanbul viele Studenten erschossen.
Übersetzt bedeute Ülkü Ocagi etwa "Prinzip Heimat". Die Etikettierung als "Faschisten" sei zwar nicht falsch, im Unterschied zum deutschen Verständnis des Begriffes stehe aber weniger rassistisches Gedankengut im Vordergrund, als vielmehr religiöses und nationalistisches, es gehe um die türkisch-islamische Einheit.

Gegen Linke und Kurden
Also doch Radikale in der Neustadt? "Man muss strikt unterscheiden zwischen früheren Aktivitäten in der Türkei und dem heutigen Auftreten in Deutschland", sagt Hayrettin Aydin, anerkannter Türkei-Experte des Zentrums für Türkei-Studien in Essen. Ülkü Ocagi sei nur im Ausland aktiv und gehöre der europaweit operierenden "Föderation türkisch-demokratischer Idealisten" (ADÜTF) an. Deren Hauptgegner seien linke Türken und Kurden; mit der Gewaltorientierung der 70er Jahre sei es aber vorbei, die MHP habe als Regierungspartei an Schärfe verloren. Eine Gefahr gehe von Ülkü Ocagi derzeit wohl nicht aus, aber: "Man sollte wissen, um wen es sich handelt."

Von Frank Schmidt-Wyk
Main Rheiner, 7.7.2001