Back to Internationalismus-Homepage

Internationalismus
Referat des AStA


Türkische Rechtsextremisten (Graue Wölfe)
in der Bundesrepublik


Türkische Nationalisten mit ihren Flaggen


Wir dokumentiern aus der Pressemappe des Demonstrations- Vorbereitungskomitees zum Trauermarsch für Seyffetin Kalan einen Text zu den "Grauen Wölfen".

Datum: Di 12.09.95
Ursprung:CL.AKTUELLES.ALLGEMEIN


Die "Grauen Wölfe"


I. Die Geschichte der "Grauen Wölfe"

Zur Analyse der historischen Wurzeln der "Grauen Wölfe" ist es notwendig, die türkische Geschichte bis zur Bewegung der "Jungtürken" in der Zeit der Jahrhundertwende und des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches zurückzuverfolgen. Diese "Jungtürkische" Bewegung, in der Mustafa Kemal, der spätere Gründer der Türkischen Republik, schon über entscheidenden Einfluß verfügte, war bereits in ihren Anfängen vom großtürkischen Chauvinismus geprägt, mit dem Bestreben, die Reste des "Vielvölkerknastes" des auseinanderbrechenden Osmanischen Reiches zusammenzuhalten. Der Unabhängigkeitskampf der nichttürkischen Völker wurde als Verrat am "gemeinsamen osmanischen Vaterland" betrachtet. Das Ziel der "jungtürkischen" Führer war die Zangsassimilation aller im Reichsgebiet lebenden Völker, d.h. die Türkisierung der Albaner, Armenier, Araber, Bulgaren und Kurden. Nachdem die "Jungtürken" im Jahre 1908 die Macht übernommen hatten, wurde bereits im Jahre 1909 die Organisationsfreiheit für Minderheiten beseitigt und türkisch zur offiziellen Sprache in allen Schulen und Verwaltungen erklärt.

Diese rassistische Politik der Zwangsassimilation begünstigte die Verbreitung des Turanismus, "die Einheit aller Turkvölker von Innerasien bis zum Balkan". Ziya Gölap, einer der "jungtürkischen" Turanisten rief damals aus: "Vorn die Flagge, in der Hand das Bajonett, im Herzen Gott. Wir wollen Herrscher über die Welt sein."

1908 gründeten die Turanisten die heute noch existierenden nationalistischen Vereinigungen "Türk Ocagis", welche mit allen Mitteln das "Reich Turan" ("die Wiege des Volkes und das Ursprungsland der Rasse") ereichen sollten. Die "Türk Ocagis" hatten dabei folgende Aufgabe: "Arbeiten an der nationalen Erziehung des türkischen Volkes, dem wichtigen Bestandteil des Islamismus, an der Hebung seines intellektuellen, sozialen und ökonomischen Niveaus, an der Vollendung der türkischen Sprache und Rasse."

Die Einheit der Reste des Osmanischen Reiches und damit die Grundlage der Türkischen Republik bauen auf der Vernichtung ganzer Völker auf. Die "Jungtürken" nutzten den Ausbruch des 1.Weltkrieges, an der Seite Deutschlands stehend, dazu, den bereits vor dem Krieg ausgearbeiteten Plan zur Ausrottung der "fremdländischen" Armenischen Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Von etwa 2 Millionen im Osmanischen Reich lebenden Armeniern blieben nicht mehr als 100.000 am Leben. Nachdem es in Kurdistan zu zahlreichen Aufständen gekommen war, begannen die "Jungtürken" mit der planmäßigen Vernichtung des kurdischen Volkes. Dieser fielen in den Jahren 1914 bis 1918 mehr als 700.000 Kurdinnen und Kurden zum Opfer.

Die Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite Deutschlands im 1.Weltkrieg besieglete sein endgültiges Ende und durchkreuzte die Pläne zur vollständigen Vernichtung des kurdischen Volkes.

Jetzt organisierte Mustafa Kemal das sogenannte türkische Bündnis, um die verbliebenen Reste des Osmanischen Reiches mit den Besatzungsmächten England und Frankreich aufzuteilen.

Der Turanismus war kein geeignetes Mittel, die Völker der Region für den Kampf gegen die Kolonialmächte zu mobilisieren. Mustafa Kemal sprach nicht mehr von der "türkischen Nation" sondern vom "islamischen Staat". Nur hiermit gelang es ihm, die kurdischen Scheichs für den letztendlich erfolgreichen Aufstand gegen die Kolonialmächte zu gewinnen.

Nach der Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 wurde der Nationalismus wieder zur herrschenden türkischen Staatsauffassung. Ziel war die Errichtung eines nationalistischen völkischen Staates mit dem Herrschaftsinstrument des Türkismus, der die Existenz aller anderen Völker negierte. 1923 wruden 300.000 Angehörige des Pontus-Volkes, einer griechischen Minderheit, massakriert. Im Jahr 1924 wurden alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Publikationen verboten. Von dort an existierten offiziell keine Kurdinnen und Kurden mehr.

Auf dieser Grundlage erlebte der Turanismus in den 30er Jahren als Panturanismus, mit der Untertützung Nazi-Deutschlands eine Renaissance. Hitlerdeutschland versuchte stets die Türkei an sich zu binden und nutzte dazu die panturanistische Bewegung. Als Gegenleistung unternahmen die Panturanisten den gescheiterten Versuch, die Türkei an der Seite des deutschen Faschismus aktiv in den 2. Weltkrieg zu ziehen.

In den folgenden Jahren zog es die geschwächte Bewegung vor, hinter den Kulissen für ihre Politik zu arbeiten. In den 60er Jahren konzentrierte sich die faschistische Bewegung unter der Führung von Alpaslan Türkes (dem noch heute amtierenden Vorsitzenden der MHP/Nationalistische Bewegungspartei) darauf, die Jugend für die panturanistische Ideologie zu gewinnen. Es wurden die ersten Kommandolager gegründet, in denen Jugendliche eine militärische Ausbildung erhielten und einer gezielten Gehirnwäsche unterzogen wurden. Nachdem die Kommandos aufgebaut waren, wurde im Jahre 1969 die MHP (Millietci Hareket Partisi = Nationalistische Bewegungspartei) gegründet. Zum Symbol der Partei wird eine Fahne mit drei auf dem Rücken gekehrten Halbmonden, diese sind der Fahne der Okkupationstruppen der osmanischen Besatzungsarmee entnommen.

In den Kommandolagern wruden bis zu 100.000 Kommandoangehörige ausgebildet. Diese Kommandos erhielten dann den Namen "Bozkurtcula" ("Graue Wölfe"), in Erinnerung an das Tier, das entsprechend der panturanistischen Legende die letzten türksichen Stämme aus den Altai- Gebirgen in Zentralasien geführt und damit gerettet hatte.

Ab 1968 begannen die türkischen Faschisten mit ihren Gewaltaktionen gegen die erstarkende türkische Linke. Bis 1980 begingen die "Grauen Wölfe" mehr als 5000 Morde in der Türkei und Kurdistan. 1975 wurde die MHP zum Bündnispartner der konservativen Gerechtigkeitspartei (AP) unter dem damaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Staatspräsidenten Demirel und damit Regierungspartei. Alpaslan Türkes wurde stellvertretender Ministerpräsident und hatte damit volle staatliche Rückendeckung für den organisierten Terror gegen die Opposition.

Nach dem Militärputsch 1980 wurde die MHP verboten, was sie aber nicht daran hinderte unter anderem Namen ihre Politik fortzusetzen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren schon weite Teile des Militärapperates und der staatlichen Verwaltung von MHP-Anhängern durchsetzt. Zur Hauptagitationsebene wurden Moscheen und islamische Vereine auserkoren. Ihre Funktion die demokratische Opposition zu terrorisieren war an die Militärjunta übergegangen. Ende der 80er Jahre wurde das Verbot der MHP offiziell wieder aufgehoben.



II. Die Idelologie der "Grauen Wölfe"

Die Ideologie der MHP und ihrer Kommandoorganisation, den Grauen Wölfen, basiert im wesentlichen auf drei Grundpfeilern:

1. Nationalismus
Ausgangspunkt ist ein vom Panturanismus geprägter Nationalismus. Dieser beinhaltet einen ausgeprägten Rassismus gegenüber allen nichttürkischen Menschen, insbesondere gegen die Minderheiten im "eigenen" Land.

2. Antidemokratische Grundhaltung
Vordergründig wird von der MHP eine antikommunistische Propaganda betrieben, die sich prinzipiell gegen alle demokratischen Kräfte, wie z.B. Gewerkschaften und andere Verbände der Arbeiterbewegung richtet.

3. Islam
Im Laufe der fast 30jährigen Geschichte der MHP wurde die Frage der Religiösität in verschiedenen Phasen unterschiedlich akzentuiert. Der Islam war in der Anfangszeit der Parteientwicklung von den führenden Personen eher abgelehnt worden. Vielmehr gab es eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit mit ihrer schamanistischen Religion. Die Bedeutung des Islams ist also für die MHP weniger eine religiöse Frage, sondern leitet sich von ihrem Nationalismus ab. Es geht folglich darum, inwieweit der Islam zur Konstituierung des "Türkentums" gehört. Hier kam es schnell zu einer Umorientierung, da dieser Punkt stets umstritten war und das schlechte Abschneiden der MHP bei den Wahlen, den Erfolgen der islamisch- fundamentalistischen "Nationalen Wohlfahrtspartei" gegenüberstand. Zwar stand der Nationalismus weiterhin im Vordergrund, jedoch gewann schließlich Anfang der 70er Jahre der Islam in der Parteipropaganda immer mehr an Bedeutung.



III. Zur Person Alpaslan Türkes

Alpaslan Türkes, der heutige "Führer" der faschistischen MHP, spielte bereits in den 40er Jahren eine entscheidende Rolle in der panturanistischen Bewegung. 1944 wurde er verhaftet, weil er als Kopf der faschistischen Bewegung versucht hatte, die Türkei an der Seite des deutschen Faschismus aktiv in den 2. Weltkrieg zu ziehen. In dem gegen ihn laufenden Verfahren äußerte er sich wie folgt: "Ich betrachte es als Ehre, wegen Turanismus und Rassismus verurteilt zu werden. Die Verwaltung des Staates durch Menschen türkischer Rasse ist lebensnotwendig. Die in der Türkei lebenden Nichttürken mit türkischer Staatsangehörigkeit sind Tscherkessen, Bosniaken, Lazen, Araber, Kurden, sie sollte man in die Länder schicken, wo sie hingehören."

Damit unterschied sich Türkes nicht von der vorherrschenden Staatsauffassung. 1930 erklärte der damalige Justizminister Mehemet Esat: "Es gibt in der Türkei mehr Freiheit als irgendwo in der Welt. Dieses ist ein Land der Türken. Wer nicht rein von türkischer Herkunft ist, hat nur ein einziges Recht in diesem Lande: Das Recht Diener zu werden, das Recht Sklave zu sein."

Bis 1958 war Türkes in der türkischen Militärmission in Washington tätig gewesen und knüpfte hier enge Kontakte zum CIA und zum Pentagon. Im gleichen Jahr besuchte er die Schule für Atom- und Nukleartechnik in der BRD.

Er gehörte im Jahr 1960 zu den 32 Offizieren, die die damalige Menderes Regierung stürzten. Nach dem Putsch wurde er zum persönlichen Sekretär des neuen Machthabers, General Gürsel, ernannt. Dort versuchte er weiter hinter den Kulissen seine panturistischen Ideen durchzusetzen. Türkes wurde aber bald, zusammen mit 14 anderen, politisch kaltgestellt und in die türkische Botschaft nach Neu-Delhi entsandt.

Nach seiner Rückkehr in die Türkei im Jahre 1964 konzentrierte er sich auf den Aufbau der MHP / "Graue Wölfe". Im zuge des Verbotes der MHP im Jahre 1980 wurde im jegliche politische betätigung untersagt. Trotzdem konnte er seine Rolle als faschistischr Hetzer weiterhin wahrnehmen.

All das konnte ihn nicht daran hindern, eine Vielzahl von offiziellen Besuchen in der BRD anzutreten, zuletzt am 26. November 1994 in Sindelfingen.



IV. Die "Grauen Wölfe" in der BRD

Die türkischen Faschisten begannen bereits Ende der 60er Jahre damit, sich in der Bundesrepublik zu organisieren. Die Organisierung erfolgte auf der Basis von Vereinen, die als "Türkische Gemeinschaften", "Idealistenvereine" oder einfach als "Kulturvereine" bezeichnet wurden. Eine MHP-Auslandsvertretung existierte offiziell seit 1973, inoffiziell aber bereits Ende der 60er Jahre. Diese hatte, mit ihrer Zentrale in Ludwigshafen, in der BRD in 40 Städten Zweigstellen.

Bereits 1970 ergab sich eine enge Kooperation zwischen der faschistischen türkischen MHP und der faschistischen deutschen NPD. Dieses belegt ein reger Briefwechsel zwischen beiden "Parteiführern" Alpaslan Türkes und Adolf von Thadden. Während Türkes von der "unbedingten Aktionseinheit der MHP mit der NPD" sprach, regte von Thadden einen intensiven Jugendaustausch zwischen beiden Parteien an. Von Thadden ließ es sich nicht nehmen, eine persönliche Einladung für Türkes auszusprechen, um so "über die Probleme unserer Länder zu sprechen und nach Wegen gegenseitiger Unterstützung zu suchen". Im Jahre 1977 bedankte sich Türkes wortreich für die großzügige finanzielle Unterstützung der NPD für den Wahlkampf der MHP. Der "Nationalistische Schülerbund" gründete 1980 eine sog. Aufbauorganisation zur Erfassung in der BRD lebender türkischer Jungfaschisten. Die Waffenbrüderschaft der deutschen und türkischen Faschisten war wieder hergestellt.

Die Entwicklung der türkischen faschistischen Bewegung in der BRD ist untrennbar mit der Situation in der Türkei und Kurdistan verbunden.

Nachdem die MHP, daß Ende 1976 vom türkischen Verfassungsgericht gemäß des Parteiengesetzes ausgesprochene Verbot von Auslandsorganisationen bereits im Vorgriff mit dr Auflösung ihrer BRD-Organisationen am 28.07.1976 und einer Umstrukturierung in sog. "unabhängige" Idealistenvereine unbeschadet überstanden hatte, wurde der Terror gegen die türkische und kurdische Opposition systematisch ausgeweitet.

Die MHP-Idealistenvereine verübten zahlreiche Morde und Anschläge gegen türkische und kurdische Linke. Das bekannteste Beispiel für diesen Terror ist der Mord an dem Lehrer und Gewerkschaftler Celattin Kesim in West- Berlin am 5. Januar 1980.

Zur besseren Koordination schlossen sich im Juni 1978 die verschiedenen Vereinigungen zur "Föderation der demokratisch-idealistischen türkischen Vereine in Europa/Türk-Föderation" zusammen. Die in Frankfurt a.M. ansässige deutsche Untergrundorganisation ist die zentrale Schaltstelle der MHP in der BRD. Zur 17. Jahreshauptversammlung der Türk-Föderatio kamen am 26. November 1994 mehr als 10.000 Anhänger der MHP in Sindelfingen, unter der Teilnahme des türkischen Botschafters zusammen.



V. Die "Grauen Wölfe" und der Krieg in Kurdistan

Die faschistische MHP ist als ein Auftraggeber und Steuerungsinstrument der staatlichen Todesschwadrone maßgeblicher Bestandteil des Spezialkrieges gegen das kurdische Volk. Ein nicht unerheblicher Teil der in Kurdistan eingesetzten Spezialeinheiten sympathisiert offen mit der MHOP. Ihre agressive, nationalistische Propaganda ist entscheidender Faktor zur türkischen Mobilisierung für den Krieg in Kurdistan. Der Krieg ist auf die Bühne der internationalen Politik gerückt: Ankara und seine treuesten Verbündeten, allen voran die Bundesrepublik geraten zunehmend unter politischen Druck. Sie müssen erklären, warum sie alle Verhandlungsangebote der kurdischen Seite für eine politische Lösung ablehnen und weiter auf eine militärische Karte setzen.

Folglich ist es eine logische Konsequenz, daß die MHP in einer Situation in der das Regime in Ankara in Bedrängnis geraten ist, ihre Aktivitäten in der BRD verstärkt. Die türkische Regierung hat mehrfach angekündigt, Regimegegner auch im Ausland verfolgen zu wollen. Wer würde sich besser dazu eignen, den Angriff gegen die kurdische Bewegung im Ausland zu führen, als die MHP, die Spezialistin für Mord und Terror. In verschiedenen europäischen Staaten, u.a. in Großbritannien, kam es in der zurückliegenden Zeit schon zu Mordanschlägen auf Menschen, die den Nationalen Befreiungskampf des kurdischen Volkes unterstützen.

Mit dem MOrd an Seyfettin Kalan hat die Terrorwelle der "Grauen Wölfe" nun auch die BRD erreicht.

Während die Bundesregierung kurdische Vereine und Organisationen verfolgt und kriminalisiert, können sich die faschstischen "Grauen Wölfe" ungehindert organisieren und ihren Terror verbreiten.

Was wahr ist wird auch in Zukunft
geschrieben, gesetzt, gedruckt und vertrieben.
projekt
idsh

Absender: ID-SCHLESWIGHOLSTEIN@BIONIC.zerberus.de





Türkische Faschisten mobilisieren in der BRD

Todesopfer in Neumünster - deutsche Stellen sehen zu


Die seit Wochen und Monaten betriebene Angriffswelle der als "Graue Wölfe" bekannten türkischen Faschisten in der BRD hat ein erstes Todesopfer gefordert. Am Abend des 3. September wurde in Neumünster der aus Bingöl stammende 21jährige Kurde Seyfettin Kalan erschossen. Zwei weitere Kurden, Mahmut S. und Ahmet S., erlitten durch jeweils mehrere Schüsse z.T. le- bensgefährliche Verletzungen; laut "Özgür Politika" gehören alle drei zum Umfeld der ERNK. Auch einer der Angreifer wurde durch Messerstiche und ein Beil schwer verletzt. Während die sechs oder sieben angegriffenen Kurden in einem Schnellre- staurant in der Innenstadt von Neumünster beim Essen waren, fuhr ein PKW mit fünf ihnen als Angehörige der Grauen Wölfe bekannten Typen vor, die sie provozierten, angriffen und, als sie sich zur Wehr setzten, etliche Schüsse abfeuerten.

Nach Einschätzung der Kurden handelte es sich um einen geplanten Überfall: Die mit dem Auto vorgefahrenen Angreifer flüchteten, nachdem sie die drei Kurden niedergeschossen hat- ten, während ein anderer Trupp Grauer Wölfe, der diesen An- griff aus etwa 50 Meter Entfernung beobachtet hatte, nun hin- zukam und die Angriffe fortsetzte. Die nach etwa fünf Minuten eintreffende Polizei machte sich sofort daran, zwei der Kur- den im Imbiß festzunehmen, bis sie von der Bedienung auf ihren "Irrtum" hingewiesen wurden. Ein weiterer bei dem Vor- fall verletzter Kurde berichtete, daß auch er in Handschellen abgeführt wurde und die türkischen Faschisten dabei, direkt vor den Augen der deutschen Polizisten, weiter auf ihn ein- schlugen und ihn bedrohten. Ebenso wurden ein Ambulanzfahr- zeug sowie der Eingang des Krankenhauses von etwa 40 Grauen Wölfen belagert, die den kurdischen Verletzten noch im Kran- kenhaus drohten: "Wir werden Euch auch hier umbringen."

Auffallend war am ganzen Abend die vornehme Zurückhaltung der Polizei gegenüber den türkischen Rechtsextremisten: Kein einziger von ihnen wurde festgenommen. (Der Todesschütze soll sich später selbst gestellt haben.) Getreu ihrem durch die jahrelange antikurdische Politik der Bundesregierung ge- schärften Feindbild bezichtigte die Polizei in einer soforti- gen Pressemitteilung "Kurden" eines Überfalls auf ein "türki- sches Lokal". Nachdem dann der tatsächliche Ablauf des Vor- falls an die Öffentlichkeit kam und kurdische und türkische AntifaschistInnen mit einer Mahnwache, Informationsständen und durch Presseerklärungen auf die Urheberschaft der Grauen Wölfe und deren Hintermänner im türkischen Staat hinwiesen, beeilte sich die Neumünsteraner Polizei in einer eigenen Pressekonferenz zu erklären, sie habe "keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund" des Überfalls. Auch auf Nach- frage versichert der Sprecher der Polizei, es gäbe keine Er- kenntnisse über Aktivitäten türkischer Rechtsextremisten in Neumünster.

Das ist ganz offensichtlich gelogen: Keine zwei Wochen vor dem tödlichen Vorfall hatte der Alevitische Kulturverein in Neumünster auf einer Pressekonferenz - über die auch meh- rere Zeitungen berichteten - auf die zunehmenden Aktivitäten türkischer Faschisten in Neumünster hingewiesen und explizit vor möglichen Gewalttaten aus deren Ecke gewarnt. Nicht nur Kurden oder vermeintliche PKK-Sympathisanten waren in der Vergangenheit immer wieder von den Faschisten angegriffen und provoziert worden; auch linke und demokratische Türken, Ange- hörige der alevitischen Glaubensgemeinschaft, ja sogar kleine Schulkinder, die sich weigerten den "Wolfgruß", das Erken- nungszeichen der Grauen Wölfe, mitzumachen, wurden bedroht.


Neues Outfit der MHP

In fast allen Gegenden der BRD haben die türkischen Rechtsex- tremisten seit einigen Jahren erheblichen Zulauf. Seit Mona- ten kommt es zu Angriffen auf Vereine linker und alevitischer Türken und Kurden; bekannte oder vermeintliche Antifaschisten aus der Türkei werden bedroht oder geschlagen. In Ulm, Biele- feld und Mühlheim wurden Brandanschläge auf kurdische Ein- richtungen verübt, bei denen von einer Urheberschaft türki- scher Rechtsextremisten auszugehen ist (in der Presse wurden diese Fälle selbstredend dem "kurdischen Terror" zugeschla- gen). In Großstädten wie Hamburg, Berlin, Köln etc. befinden sich jeweils ganze Stadtviertel unter Kontrolle der Faschi- sten. Fußballspiele, Hochzeits- oder Beschneidungsfeiern wer- den zu Parteidemonstrationen umfunktioniert. Nach bestimmten Ereignissen - z.B. den Fußballänderspielen der Türkei gegen die Schweiz (26.4.95) oder gegen Ungarn (7.9.) - bildeten An- hänger der Grauen Wölfe in Hamburg, Berlin, Duisburg und an- derswo jeweils Autokonvois; sie fuhren mit türkischen Fahnen und Emblemen der MHP durch die Straßen, riefen nationalisti- sche und antikurdische Parolen und bedrohten linke Türken und Kurden durch deutliches Hervorzeigen ihrer Schußwaffen. In einigen Fällen gaben sie dabei auch Warnschüsse ab und grif- fen linke Einrichtungen oder Einzelpersonen an. In Schulen, Häusern der Jugend und Diskotheken werden linke türkische, kurdische oder alevitische Jugendliche bedroht oder unter Druck gesetzt, sich den Grauen Wölfen anzuschließen.

Nach dem (zeitweiligen) Verbot der MHP in der Türkei bis zur Mitte der 80er Jahre hatten sich auch hier einige der MHP-nahen Vereine aufgelöst oder verloren an Mitgliedern. In den folgenden Jahren verlagerte sich die Organisierung der MHP in der BRD zum Teil aus den ehemaligen Vereinen heraus in eigene Sportvereine, Clubs, Cafés und sog. türkisch-deutsche Freundschaftsvereine. Auch Moscheen und Solidaritätsvereine für Aserbaidschan und Bosnien dienen als Rekrutierungsfeld und als Tarnorganisationen. Die Aufsplitterung ist auch Aus- druck einer gewissen Neuorientierung, wie sie auch die MHP in der Türkei vollzogen hat. Viele der heutigen MHP-Anhänger ge- hören zur sogenannten zweiten oder dritten Generation, sind hier geboren oder aufgewachsen und entsprechen in ihrem "Out- fit" kaum noch dem Bild der MHP der 70er Jahre. Der langhaa- rige, "freakige" Junge Wolf ist hingegen nicht weniger ag- gressiv als sein Schnurrbart-tragender Onkel von 1979, wie die Aktivitäten der letzten Monate belegen.

Eine Verharmlosung der Grauen Wölfe als "unpolitische, deklassierte Jugendliche", wie der deutsche Staat sie jahre- lang gegenüber deutschen Neonazis betrieben hat, verkennt die organisierte Stärke der MHP. So nahmen am 26. November 1994 in Sindelfingen über 10.000 MHP-Anhänger an der Jahreshaupt- versammlung der Türk-Federation statt, auf welcher ihr Führer Alparslan Türkes als Redner auftrat und mit Parolen "Führer befiehl, wir folgen" empfangen wurde. Darüberhinaus genießen die Grauen Wölfe weitgehende Unterstützung türkischer staat- licher Stellen: An der Sindelfinger Veranstaltung nahm der türkische Botschafter als Ehrengast teil, Ministerpräsidentin Ciller schickte Glückwünsche. So wie die MHP in der Türkei als ein Arm der Kontraguerilla fungiert und heute wichtige Teile des "Sicherheitsapparates" kontrolliert, ist auch in Europa davon auszugehen, daß die verschiedenen Tarnorganisa- tionen (s.o.) ebenfalls als Aktionsbasis für den türkischen Geheimdienst MIT dienen. Bereits Anfang der 80er Jahre ließen eine Reihe von Ereignissen - Paketbomben an türkische Ar- beitsemigranten, auf der als "Absender" der hiesige Presse- verantwortliche der linken Organisation Devrimci Isci ver- merkt war, oder eine im Schließfach abgestellte "Bombe" im Hamburger Hauptbahnhof, angeblich von der PKK plaziert - auf die Urheberschaft des MIT schließen.


Nationalistischer Konsens

Ihren gestiegenen Masseneinfluß verdanken die Grauen Wölfe auch der Tatsache, daß sie am radikalsten das vertreten, was von Presse, Fernsehsendern, Konsulaten und ihnen angeschlos- senen Vereinen, Schulen etc. täglich an türkisch-nationali- stischer Propaganda und Mobilisierung betrieben wird. Hierzu zählen die aggressiv betriebe Spendenwerbung für die türki- sche Armee, Videoclips MHP-naher Sänger vor oder nach Fuß- ballnationalspielen, Rap-Gruppen wie "Karakan" oder jetzt "Cartell", die mit ihren Texten zur türkisch-nationalisti- schen Mobilisierung beitragen, selbst wenn sie selbst nicht explizit als faschistisch zu bezeichnen sind.

Die türkische Linke, die durch den Militärputsch von 1980 ohnehin bis heute merklich geschwächt ist, konnte oder wollte diesem Chauvinismus bislang wenig entgegensetzen. Ein Teil neigt dazu, die türkisch-nationalistische Stimmung der Ju- gendlichen hier als (überzogene) Reaktion auf den deutschen Rassismus zu entschuldigen. Initiativen wie der Türkisch-Kur- dische Freundschaftsverein in Köln, der es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, sich diesem nationalistischen Trend entgegen- zustellen, wurden von offiziellen türkischen Stellen scharf angegriffen und auch von einigen Linken als "Kurdenfans" ver- ächtlich gemacht.

Die türkisch-nationalistische Front schließt auch Sozial- demokraten wie Hakki Keskin, Mitglied im Hamburger Parteivor- stand der SPD und Sprecher des "Bundes türkischer Einwande- rer", ein, der in der Presse immer wieder als antikurdischer Scharfmacher auftritt. Vor zwei Jahren gehörte er zu den Or- ganisatoren und Rednern einer antikurdischen Massendemonstra- tion in Hamburg, aus der heraus MHP-Anhänger zahlreiche kur- dische und linke Läden zertrümmerten.


"Folklore im Rahmen der Gesetze der BRD ..."

Auch die deutsche Politik hat gleich in mehrfacher Weise zum Erstarken der türkischen Faschisten beigetragen:

- Natürlich ist der vehemente Nationalismus türkischer Ju- gendlicher hier auch Reaktion auf den täglich erlebten Ras- sismus der deutschen Gesellschaft, auf die Ausgrenzung und die Mordanschläge, die ihnen eine gesicherte Lebensperspekti- ve hier verschließt. Erste Massenauftritte nach 1990 hatten die Grauen Wölfe während der Protestaktionen gegen die Brand- anschläge von Mölln und Solingen. Auch die sozialdemokrati- sche Variante des Rassismus, die die Folterungen in der Tür- kei nicht dem Staat sondern dem "brutalen Türkentum" zu- schreiben, und manche völkischen Strömungen an den Rändern der Kurdistan-Solidarität verschaffen dieser Stimmung Nah- rung.

- Die Duldung und Verharmlosung des türkischen Rechtsradika- lismus durch staatliche Stellen entspricht deren Haltung ge- genüber deutschen Nazis. Auf eine parlamentarische Anfrage der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes über die Grauen Wölfe in der BRD antwor- tete das Innenministerium, die Türk-Federation (ADÜTDF) be- zwecke "bevorzugt in Form von Folklore- und Saalveranstaltun- gen .... die Interessen der Türkischen Republik im Rahmen der Gesetze der Bundesrepublik Deutschland zur Geltung zu brin- gen". So wie die türkische Armee als Nato-Waffenbruder von der Bundeswehr ausstaffiert und unterstützt wird, genießt (natürlich) auch der MIT als "befreundeter Dienst" die bevor- zugte deutsche Gastfreundschaft. Nach dem Verbot der PKK durch Innenminister Kanther im November 1994 meldete die tür- kische Massenpresse stolz, daß die türkische Regierung (mit Duldung der BRD) eine große Anzahl "spezieller Sicherheits- kräfte" in die BRD bzw. nach Europa entsandt hätte, um hier den Kampf gegen den "kurdischen Terror" effektiver zu führen.

- Nicht zuletzt haben auch die antikurdische Politik der Bundesrepublik - Verbote kurdischer Vereine, Verlage, Publi- kationen bis hin zu kurdischen Symbolen und Fahnen - und die konzertierte Pressehetze den türkischen Rechtsradikalen er- heblichen Auftrieb verschafft. Kommentatoren der türkischen Presse rufen nach einer Bewaffnung der Türken in der BRD (ge- gen Kurden), und ein Mitarbeiter des bayrischen Innenministe- riums, Hermann Regensburger, schlug die Aufstellung türki- scher Jugendlicher als "freiwillige Wächter" vor, die nach einer 40stündigen Ausbildung mit einem "Wächterausweis", Arm- binde, Funkgerät und Tränengas ausgestattet werden sollten, um dann für einen Stundenlohn von 12 DM als Hilfstruppe der Polizei eingesetzt zu werden.

Die Übernahme des "Dorfschützer"-Systems aus der Türkei scheint also nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ohnehin werden derzeit in mehreren Bundesländern verstärkt türkisch- stämmige Mitarbeiter für den Polizeidienst rekrutiert. Die genannten Maßnahmen erleichtern nicht allein Kontrolle und schärfere Repression gegen kurdische und türkische Oppositio- nelle. Sie sind gleichzeitig Schritte in Richtung auf eine Ethnisierung sozialer Probleme, wie sie z.B. in den USA längst praktiziert werden. Das Anlegen von "Kurdenkarteien" durch massenhaftes Sammeln von Videoprints abgefilmter kurdi- scher Demonstrationen sowie die Schaffung "kurdenfreier Zo- nen" (z.B. am Hamburger Hauptbahnhof) sind bereits gefährli- che Schritte in diese Richtung.


Fehler und Perspektiven

Allerdings haben auch die zahllosen Anschläge gegen türkische Läden, Einrichtungen und Privatwohnungen, die in den vergan- genen Jahren periodisch verübt wurden, erheblich zur Schaf- fung des angespannten Klimas beigetragen, weshalb mensch am liebsten schlußfolgern würde, sie gingen einzig auf das Konto deutscher Rechtsradikaler oder auch des türkischen Geheim- dienstes. Obgleich die PKK bzw. ERNK sich wiederholt von die- sen Anschlägen distanziert haben, gibt es von ihnen auch schwammige Formulierungen wie: "Einige der Aktionen könnten die Reaktion unseres Volkes sein." Zwar muß selbst das BKA in einer Antwort auf die Anfrage der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke nach der Urheberschaft der antitürkischen Anschläge zugeben, daß es nur bei 12 von 139 Anschlägen (im Zeitraum Februar bis April dieses Jahres) Verdachtsmomente in Richtung auf eine Täterschaft aus dem PKK-Umfeld hat. Aber auch die PKK hat mit ihrer z.T. uneindeutigen Haltung selbst zur Ver- unsicherung beigetragen und der antikurdischen Koalition Ar- gumente geliefert.

Anschläge gegen ausländische Läden und Büros, selbst wenn deren Inhaber aus dem MHP-Umfeld stammen sollten, sind in der BRD absolut schädlich, da sie von der Mehrheit der deutschen und türkischen Öffentlichkeit durch nichts von rassistischen Anschlägen deutscher Neonazis zu unterscheiden sind. Es ist auch verlogen, wenn sich Sprecher der PKK hinter angeblich "spontanen Reaktionen unseres Volkes" verschanzen, da sie sonst keine Gelegenheit versäumt zu betonen: "Das Volk ist die PKK, die PKK ist das Volk."

Deutsche AntifaschistInnen wiederum machen sich unglaubwürdig, wenn sie verunsichert abwarten und schweigen, anstatt lautstark und unmißverständlich alle Gewaltakte gegen ausländische Privatpersonen und Geschäfte in der BRD zu verurteilen

- egal ob es sich bei den Opfern um Kurden, Türken, Aleviten, Juden, Portugiesen oder Chinesen handelt.

Nora Mielke

aus: ak 382 vom 21.9.1995
ak - analyse & kritik
Zeitung für linke Debatte und Praxis


Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar frei.
Die Zeitung ak erscheint alle vier Wochen und kostet pro Exemplar 7,50 DM, Jahresabo 90,- DM.
* Kostenloses Probeexemplar anfordern!

ak - analyse und kritik
Rombergstr. 10, 20255 Hamburg,
Tel.: +49-40-4017 0174, Fax.: +49-40-4017 0175,
Email: ak-redaktion@cl-hh.comlink.de





MHP in der Türkei: Wölfe im neuen Gewand

Die 1969 von Oberst Alparslan Türkes gegründete MHP (Nationa- le Aktionspartei) ist nicht nur ideologisch mit dem deutschen Faschismus verwandt: Türkes und andere führende Kader der späteren MHP gehörten während des zweiten Weltkriegs zu den Verbindungsmännern zwischen dem deutschen Außenministerium und dem Geheimdienst in der Türkei. Diese Beziehungen wurden auch nach dem Kriege weitergeführt, z.B. zu Strauß und zu Gehlen.

Die Partei sowie ihre als "Graue Wölfe" bekannten parami- litärischen Einheiten waren über personelle Verflechtungen und Anbindung an den türkischen Geheimdienst MIT ein Arm der unter US-Regie aufgebauten Kontra-Guerilla. Während der spä- ten 60er und 70er Jahre schufen die Terrorkommandos der Par- tei durch Gewaltakte gegen Studenten, Gewerkschafter und Lin- ke, durch Provokationen und Massaker eine bürgerkriegsähnli- che Situation, die als Vorbereitung der Militärputsche von 1971 und 1980 diente. Nachdem sie auf diese Weise die Dreck- arbeit für den Staat erledigt hatten, wurde die Partei - wie alle anderen - nach dem Putsch vom 12. September verboten, zahlreiche ihrer Mitglieder mußten für einige Zeit ins Ge- fängnis.

Nach ihrer Wiederzulassung organisierte sich die MHP in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der Türkei neu. Heute wendet sie sich an eine teilweise andere Klientel als in den 70er Jahren. Ihre Hochburgen sind nicht mehr allein die rück- ständigen, ländlichen Gebiete Zentral- und Ostanatoliens son- dern gleichermaßen die Städte (und Touristenzentren) der Ägä- is- und Mittelmeerküste. Islamische Inhalte werden weniger betont; die MHP-Jugend der Stadt ist städtisch, "modern", z.T. intellektuell und häufiger in Discos als in Moscheen zu finden.

Im Mittelpunkt ihrer Aussagen steht ein rassistisch-völ- kischer Nationalismus, der z.T. auf das "Türkentum" vor der Islamisierung rekurriert, sowie das Eintreten für eine "mäch- tige Türkei" und einen "starken Staat", der sich entschieden dem "kurdischen Terror" widersetzt. In diesem letzten Punkt unterscheidet sie sich kaum von den übrigen Parteien, da ein aggressiver Nationalismus fester Grundkonsens aller Parteien ist; sie profitiert allerdings von der nationalistischen Mas- senmobilisierung, die sich z.B. bei Fußballänderspielen, Be- gräbnissen, Einberufungen von Soldaten und an Nationalfeier- tagen manifestiert. Solche Ereignisse haben in den letzten Jahren zunehmend den Charakter von MHP-Demonstrationen ange- nommen.

Während es in den 70er Jahre eine antifaschistische Mo- bilisierung gab und die MHP in der demokratischen Öffentlich- keit geächtet war, gehören ihre Repräsentanten heute fest zur politischen Elite und dürfen bei keiner Talk-Show fehlen. Seit eineinhalb Jahren ist die Koalitionsregierung aus der konservativen DYP und der sozialdemokratischen CHP auf eine inoffizielle Koalition mit der MHP angewiesen. Mehrfach wur- den MHP-Führer mit Regierungsmissionen betraut; so führte z.B. MHP-Chef Türkes im vergangenen Winter in Frankreich Ver- handlungen mit einer armenischen Regierungsdelegation. Seit den Regionalwahlen vom Frühjahr 1994 stellt die MHP in mehre- ren Städten, so z.B. im Stadtteil Keciören von Ankara, den Bürgermeister; der Oberbürgermeister von Izmir, selbst DYP- Mitglied, stützt sich wesentlich auf einen Mitarbeiterstamm von MHP-Kadern.

Als Staat im Staate verfügt die MHP heute über mehrere Zigtausend Bewaffnete im Staatsapparat, darunter die 15.000 Mann Spezialeinheiten in Kurdistan, einen großen Teil der Dorfschützer sowie die Angehörigen der politischen und Anti- terror-Abteilungen der Polizei und das Gefängnispersonal in den türkischen Großstädten. Darüberhinaus existiert in vielen Städten noch ein parteieigener Schlägerdienst - in Ankara z.B. das "A-Team" - das völlig unbehelligt unliebsame Gegner bedroht oder "ausschaltet"; Anfang September wurde ein Mit- glied einer von Sozialdemokraten gegründeten Wohnungsbauko- operative in Ankara erschossen.

NM

aus: ak 382 vom 21.9.1995
ak - analyse & kritik
Zeitung für linke Debatte und Praxis


Nachdruck gegen Quellenangabe und Belegexemplar frei.
Die Zeitung ak erscheint alle vier Wochen und kostet pro Exemplar 7,50 DM, Jahresabo 90,- DM.
* Kostenloses Probeexemplar anfordern!

ak - analyse und kritik
Rombergstr. 10, 20255 Hamburg,
Tel.: +49-40-4017 0174, Fax.: +49-40-4017 0175,
Email: ak-redaktion@cl-hh.comlink.de


Der lange Atem der Grauen Wölfe

Türkische Rechtsextremisten agieren in Politik und Mafia

Aus: Le Monde diplomatique, 14.03.1997, Seite 6 (U.a. wöchentliche Beilage der TAZ

Von Martin A. Lee (*)

Die islamistische Regierung der Türkei ist an allen Fronten in Schwierigkeiten geraten: anhaltend hohe Inflation, Auseinandersetzungen über die Frage des Säkularstaats, Spannungen mit Griechenland über die Zypernfrage. In Kurdistan erweist sich Regierungschef Necmettin Erbakan als ebenso unfähig wie seine Vorgänger, eine Lösung für eine Beendigung des Krieges zu finden, der schon Jahre dauert und den Staat immer teurer zu stehen kommt. Ein Autounfall hat kürzlich der erstaunten Öffentlichkeit vor Augen geführt, in welchem Ausmaß der Sicherheitsapparat, die extreme Rechte, die Mafia und die Regierungsmilizen, die gegen die Guerilla kämpfen, miteinander verstrickt sind.

In den vergangenen Wochen wurde in vielen türkischen Familien um Punkt neun Uhr abends das Licht ausgemacht und der Fernseher abgeschaltet, und man saß im Dunkeln, um gegen die Komplizenschaft der Sicherheitskräfte mit dem kriminellen Milieu zu protestieren. Ausgelöst wurde diese ungewöhnliche Art der Demonstration durch die erschreckenden Tatsachen, die nach einem Verkehrsunfall ans Licht kamen, der sich am 3. November 1996 etwa 150 Kilometer südlich von Istanbul ereignet hatte.

An diesem Tag fand man im Wrack eines Mercedes drei Tote: Hüseyin Kocadag, einen hochrangigen Polizeioffizier, der das Kommando über die Antiguerilla- Einheiten innegehabt hatte, Abdullah Catli, einen Mann, der untergetauvcht war, weil er wegen Mordes und Drogenhandels gesucht wurde, und seine Freundin Gonca Us, eine frühere Schönheitskönigin, die inzwischen bei der Mafia zum Mädchen für alles avanciert war. Der vierte Insasse des Wagens hatte den Unfall überlebt. Es war Sedat Bucak, ein kurdischer Kriegsherr, dessen Miliz im Sold der türkischen Regierung stand, um gegen die Guerilla der "Kurdischen Arbeiterpartei" (PKK) zu kämpfen.

Zunächst versicherte die Polizei, der Unfall habe sich bei der Überführung zweier kleiner Gangster in Polizeigewahrsam ereignet. Aber die am Unfallort sichergestellten Beweismittel zeigten, daß der flüchtige Verbrecher Abdullah Catli diplomatische Papiere besaß, die ihm von staatlichen Stellen ausgestellt worden waren, daß er mehrere Pistolen bei sich trug, dazu gültige Waffenscheine und nicht zuletzt sechs Ausweise auf lauter verschiedene Namen.

Als deutlich wurde, daß Catli von der Polizei nicht als Straftäter, sondern als Verbindungsmann behandelt worden war, mußte der Innenminister zurücktreten, und mehrere hochrangige Vertreter der Sicherheitskräfte, darunter der Polizeichef von Istanbul, wurden vom Dienst suspendiert. Abdullah Catli war als Mitglied der Führungsriege der "Grauen Wölfe" bekannt, einer terroristischen neofaschistischen Organisation, die Ende der sechziger Jahre gegründet worden war. Er hatte schon eine Karriere in verschiedenen Straßenbanden hinter sich, als er 1978 zum "zweiten Mann" in der Hierarchie der "Grauen Wölfe" aufstieg - doch im selben Jahr mußte er in die Illegalität abtauchen, weil er in die Ermordung von sieben Gewerkschaftsaktivisten verwickelt war.

Am 13. Mai 1981 machten die Grauen Wölfe weltweit Schlagzeilen, als eines ihrer Mitglieder, Mehmet Ali Agca, der zu den engsten Mitarbeitern von Abdullah Catli gehört hatte, ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte. Einige Monate später, in der Verhandlung gegen die vier Türken und drei Bulgaren, die in der Sache angeklagt wurden, gab Catli bei seiner Vernehmung als Zeuge zu, er habe dem Attentäter die Tatwaffe verschafft. Zuvor hatte er ihm bereits zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen, wo Ali Agca eine Strafe wegen der Ermordung des Chefredakteurs einer großen türkischen Zeitung absaß.

Auch zur türkischen Drogenmafia unterhielt Abdullah Catli enge Beziehungen. Die Grauen Wölfe, die selbst tief im Rauschgifthandel steckten, dienten Abuzer Ugurlu, dem Chef des Kartells, als Mittelsmänner.

Anfang der achtziger Jahre entdeckte der italienische Untersuchungsrichter Carlo Palermo, der in Trient Ermittlungen über den Waffen- und Drogenhandel zwischen Sizilien und Osteuropa führte, daß bedeutende Mengen an Präzisionsfeuerwaffen aus Nato-Beständen von Westeuropa in den Nahen Osten geschmuggelt wurden. Häufig wurde diese Ware mit Heroin bezahlt, das mit Hilfe der Grauen Wölfe und anderer Dealer nach Norditalien gelangte. Dort nahmen es die Handlanger der Mafia in Empfang, um es nach Nordamerika weiterzuleiten. Der sizilianische Drogenring, der damals die Vereinigten Staaten und Europa mit reinem Heroin überschwemmte, versorgte sich also primär aus der Türkei.

Wie ein Magnet zog dieser gewaltige illegale Handel die Geheimdienste beider Lager an. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Firma Kintex in Sofia, ein staatliches Import-Export-Unternehmen, das sich auf den Waffenhandel spezialisiert hatte - und durchsetzt war von bulgarischen und russischen Agenten. So kam auch die Vermutung auf, die Verschwörung gegen den Papst sei vom KGB und seinen bulgarischen Helfern gesteuert worden, die wiederum enge Beziehungen zur türkischen Mafia unterhielten1. Aber die Kintex wurde auch von westlichen Geheimdiensten genutzt: Die CIA bediente sich dieser Firma, um die Contras in Nicaragua mit Waffen zu versorgen.

In seiner Aussage vor dem Gericht in Rom im September 1985 erklärte Abdullah Catli, der westdeutsche Geheimdienst BND sei an ihn herangetreten und habe ihm ein hübsches Sümmchen geboten, damit er den russischen und bulgarischen Geheimdienst in Zusammenhang mit dem Attentat auf den Papst bringe. Sechs Jahre später enthüllte Melvin A. Goodman, ein früherer Experte der CIA, daß seine Kollegen damals auf Weisung von oben ihre Berichte gefälscht hatten, um diesen Anschuldigungen Glaubwürdigkeit zu verleihen: "Die CIA besaß keine Beweise in dieser Sache" sagte Goodman am 25. September 1991 vor dem Geheimdienstausschuß des amerikanischen Senats. Aber die vermeintliche "bulgarische Piste" erfüllte ihren Zweck: Die UdSSR erschien wieder einmal als das Reich des Bösen, und die Aufmerksamkeit wurde von den Verbindungen zwischen dem amerikanischen Geheimdienst und den Rechtsextremisten in der Türkei abgelenkt.

Als die Schüsse auf den Papst fielen, hieß der Leiter der CIA-Außenstelle in Rom Duane Dewey Clarridge. Der Mann war zuvor in Ankara stationiert gewesen - in den siebziger Jahren, als die Grauen Wölfe eine Serie von Attentaten verübten, der Tausende türkische und kurdische Linke zum Opfer fielen. Sie wurden damals von der Antiguerilla-Organisation, einer Untergruppe der Abteilung für Sondereinsätze bei der türkischen Armee, geduldet und gedeckt. Die Abteilung, die ihren Sitz im Gebäude der amerikanischen Militärhilfe in Ankara hatte, wurde von amerikanischen Militärberatern ausgebildet und verfügte über Mittel aus dem Fonds der Militärhilfe. Ihre Aufgabe bestand darin, Untergrundschwadronen zu schaffen, die aus Zivilisten zusammengestellt waren. Diese Personen sollten unerkannt bleiben und erst im Falle einer sowjetischen Invasion in Aktion treten, um dann Sabotageakte auszuführen - solche Pläne gab es in allen Nato-Ländern2. In Wirklichkeit suchten sich diese Agenten allerdings sofort innenpolitische Ziele.

Emir Deger, ein ehemaliger Militärstaatsanwalt und Mitglied des Obersten Gerichtshofs der Türkei, bewies die Zusammenarbeit zwischen den Grauen Wölfen und den staatlichen Antiguerilla-Einheiten sowie deren enge Verbindungen zur CIA. Daß die geheimen paramilitärischen Gruppen auch eingesetzt wurden, um auf Mitglieder der extremen Linken Jagd zu machen und an Folterungen teilzunehmen, ist das Fazit dreier Bücher, die Talat Turkan, ein hoher Armeeoffizier im Ruhestand, zu diesem Thema veröffentlicht hat3. Die Serie politischer Gewaltakte, die 1980 zum Militärputsch in der Türkei führte, war also nicht zuletzt das Werk der Grauen Wölfe.

Unter den Bedingungen des Kalten Krieges blieb den Grauen Wölfen und ihrer legalen Vertretung, der "Partei der nationalen Aktion", keine andere Wahl, als sich auf eine unauffällige Zusammenarbeit mit der Nato und der CIA einzulassen. Die Organisation, an deren Spitze der Armeeoberst Alparslan Türkes stand, vertrat eine großtürkische Ideologie und verlangte im Namen der Neuerrichtung eines türkischen Reiches von der UdSSR die Rückgabe von Gebieten.

Mehr als vier Jahrzehnte lang spielte die Türkei eine wichtige strategische Rolle als das am weitesten vorgeschobene Bollwerk des Westens gegen den Ostblock, und der CIA kamen die Anhänger der großtürkischen Idee gerade recht, um das Aufbegehren der türkischen muslimischen Minderheiten in den Sowjetrepubliken zu schüren. Seit 1991 war diese Politik überflüssig geworden, den Grauen Wölfen hatte sie jedoch ermöglicht, Einfluß in Zentralasien zu gewinnen. Die Zahl der Kreuzfahrer des großtürkischen Reichs nahm in vielen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu, einige Mitglieder der Organisation übernahmen Posten als Berater verschiedener Regierungen in der Region.

Nachdem er in den achtziger Jahren eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte (die ihm teilweise erlassen wurde), durfte Oberst Türkes seine politischen Aktivitäten wieder aufnehmen. 1992 reiste er ins unabhängige Aserbaidschan, wo er als Held gefeiert wurde. Er trat in Baku für den Präsidentschaftskandidaten der Volksfront, Abulfas Eltschibej, ein, der mit den Grauen Wölfen sympathisierte. Nach seiner Wahl berief Eltschibej Iskender Gamidow zum Innenminister, einen unberechenbaren Extremisten, der aus seiner Zugehörigkeit zu den Grauen Wölfen kein Hehl machte und offen für die Schaffung eines Großtürkischen Reichs eintrat, das den Norden des Iran einschließen und sich bis nach Sibirien, China und Indien erstrecken sollte. Gamidow wurde im April 1993 zum Rücktritt gezwungen, nachdem er Armenien mit einem Atomwaffenangriff gedroht hatte.

Abdullah Catli hatte inzwischen einige Jahre in einer Schweizer Haftanstalt verbracht, bis er 1990 floh und sich dem neofaschistischen Untergrund in der Türkei anschloß. Trotz seiner Verwicklung in den Anschlag auf den Papst wurde ihm von der Armee der Aufbau einer Todesschwadron übertragen, die im schmutzigen Krieg gegen die Kurden eingesetzt werden sollte4. Als Gegenleistung für die kooperative Haltung der Türkei im Golfkrieg übersah man in Washington geflissentlich die Angriffe der türkischen Luftwaffe auf die kurdischen Stützpunkte im Irak; zugleich konnten die antikurdischen Todesschwadronen im Südosten der Türkei ungestraft mehr als tausend Zivilisten umbringen. Human Rights Watch, amnesty international und das Europäische Parlament haben wiederholt gegen die eklatanten Menschenrechtsverletzungen protestiert, die von den türkischen Sicherheitskräften begangen wurden.

Durch den Verkehrsunfall am 3. November 1996 kam ans Licht, welche Rolle Abdullah Catli bei der Repression gegen die Kurden gespielt hatte. Im Wrack des Fahrzeugs fanden sich die Beweise für jene Vermutungen, die zahlreiche Journalisten und Menschenrechtsaktivisten seit langem gehegt hatten: Um türkische Dissidenten und kurdische Rebellen zu beseitigen, waren die unterschiedlichen türkischen Regierungen bereit gewesen, Drogenhändler zu decken, Terroristen zu schützen und Mörderbanden zu finanzieren. Oberst Alparslan Türkes bestätigte das umstandslos: "Catli war Mitarbeiter einer geheimen Organisation, die dem Wohl des Staates diente."5

Auch Tansu Ciller, die gegenwärtige Außenministerin, setzte sich für Catli ein: "Ich weiß nicht, ob er schuldig ist oder nicht, aber ich habe stets großen Respekt vor Menschen, die im Namen unseres Volkes, unserer Nation und unseres Staats in vorderster Front standen oder verwundet worden sind."6

Achtzig Mitglieder des türkischen Parlaments forderten eine genauere Untersuchung des Falls und drängten den Generalstaatsanwalt, gegen Tansu Ciller ein Strafverfahren wegen krimineller Machenschaften und Billigung illegaler Aktionen einzuleiten. Sie betonten, durch den Verkehrsunfall von Susurluk biete sich eine einmalige Gelegenheit, den ganzen Komplex der immer wieder vertuschten Zusammenhänge zwischen Attentaten und Waffen- und Drogenhandel aufzuklären. Nach mehrfachen Beratungen wurde die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses von der Mehrheit der regierungstragenden Abgeordneten jedoch abgelehnt.

Der Skandal war natürlich auch für die türkische Presse ein großes Thema. In den vergangenen Jahren wurden allerdings eine ganze Reihe von Journalisten, die sich für die fragwürdigen Beziehungen zwischen Heroinhändlern und hohen Polizeioffizieren interessierten, von den Todesschwadronen umgebracht. Und die Staatsanwaltschaft hat einen äußerst schweren Stand gegen den Druck, der von höheren Stellen ausgeübt wird. Das amerikanische Außenministerium erklärte auf Anfrage, sich zum Susurluk-Skandal nicht äußern zu wollen. Es handele sich dabei um eine ausschließlich innertürkische Angelegenheit.

dt. Edgar Peinelt

1 Siehe Gilles Perrault, "La grotesque et pitoyable fable de la filiere bulgare", Le Monde diplomatique, Mai 1987.

2 Siehe Francois Vitrani, "L'Italie, un Etat de ,souverainete limitee`", Le Monde diplomatique, Dezember 1990.

3 Info-Turk Bulletin, Brüssel, Februar 1993.

4 Info-Turk Bulletin, Brüssel, Dezember 1990.

5 New York Times, 19. Dezember 1996.

6 Ebd.

* Autor von "The Beast Reawakens", einer Arbeit, die sich mit dem Wiedererstarken des Faschismus befaßt. Erscheint im Juni 1997 bei Little Brown (New York).